Kultur : New Yorker Zwangsehe

Ground Zero: Wettbewerbs-Sieger Daniel Libeskind muss sich mit dem Investor einigen

Bernhard Schulz

Architekturwettbewerbe mögen ausgehen, wie sie wollen – gebaut wird am Ende häufig etwas anderes. Diese schmerzliche Erfahrung ist Daniel Libeskind nicht unbekannt, nun muss er sie erneut erleben. Zumal der Wettbewerb für ein neues World Trade Center im New York, als dessen Sieger er am 27. Februar diesen Jahres ausgerufen wurde, nur ein Ideenwettbewerb ohne bindende Wirkung war – also ohne einen zur Realisierung verpflichteten Bauherren. Das Entscheidende blieb also noch zu verhandeln.

New York am gestrigen Mittwochmorgen: Die erschöpften Kontrahenten einer langen Verhandlungsnacht, Libeskind mit seinem Anwalt sowie Immobilienmogul Larry Silverstein als Pächter der zerstörten Doppeltürme des World Trade Center, geben einen mühsam gezimmerten Kompromiss bekannt. Demzufolge soll der Favorit Silversteins, der im Laufe des mehrstufigen Wettbewerbsverfahrens unterlegene Rivale David Childs – Partner der Architektenfirma Skidmore, Owings & Merrill (SOM) – künftig als „Design-Architekt und Projektleiter“ fungieren. Libeskind hingegen soll seinen Entwurf eines 541 Meter hohen Wolkenkratzers als Arbeitsgrundlage beisteuern.

Damit dürfte der Keim zu endlosen Auseinandersetzungen gelegt sein. Denn die Vorstellungen von Libeskind und Childs verhalten sich zueinander wenn nicht wie Feuer und Wasser, so doch wie Architektenpoesie und Investorenprosa. Daniel Libeskind, der es im Spiel mit Medien und Öffentlichkeit zu einigem Virtuosentum gebracht hat, wusste sich Beifall mit Entwurfselementen wie dem „vertikalen Garten“ in den oberen Geschossen des Hochhauses zu sichern. Da sollen „alle Klimazonen der Welt“ Einzug halten, wie Libeskind nach seinem spektakulären Februar-Sieg erläuterte.

Nur: der „positive öffentliche Ort“, als den der Architekt seinen – nach derzeitigem Stand welthöchsten – Hochhausturm erdacht hat, bringt nicht die Rendite, die Larry Silverstein erzielen will. Er hatte die Twin Towers erst anderthalb Jahre vor dem Terroranschlag des 11. September auf 99 Jahre gepachtet, zu einem Gesamtpreis von 3,2 Milliarden Dollar. Damit ist eine Entscheidung über Grund und Boden von Ground Zero an Silverstein vorbei nicht möglich. Schon gar nicht angesichts der Tatsache, dass die Stadt New York, deren Bürgermeister Michael Bloomberg machtvoll für eine architektonisch angemessene Lösung der Bebauungsfrage eintrat, keinen Cent für eine Ablösung der Silversteinschen Baurechte übrig hätte.

Den Wiederaufbau der zerstörten Türme hat der Investor nicht durchsetzen können; aber auf einer Lösung, die die ihm zustehenden Versicherungszahlungen in kommerziell nutzbare Architektur umsetzt, beharrt er verständlicherweise weiterhin. Für dieses Anlegen steht die Firma SOM, die eine feste Größe der US-Bürohausarchitektur darstellt, und dabei, neben vielen banalen Kisten auch ingenieurtechnisch innovative Leistungen hervorgebracht hat.

Nicht, dass Libeskinds zunächst euphorisch begrüßter Entwurf nicht auch Schwächen jenseits der Frage der Rentabilität aufwiese. Einen eins zu eins umsetzbaren Ausführungsentwurf hatte er ohnehin nicht vorgelegt. Ihn zu erarbeiten, so dass die Grundgestalt seiner schlanken Hochhausnadel nicht vergröbert wird, und gleichzeitig nutzbare Büroflächen vorzusehen, wird die Aufgabe des unfreiwilligen Gespanns Libeskind-Childs sein. Pardon: Childs-Libeskind. Weitere Nachrichten aus New York folgen.

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