Nicht OHNE meinen . . . : Kompass

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Wenn einer ein Reise macht, nimmt er ein paar Sachen mit, auf die er unterwegs nicht verzichten kann. Kleine Sommer-Serie über das Rüstzeug des mobilen Menschen. Bisher: der Rucksack (12.7.); das Taschenmesser (15.7.); die Sonnenbrille (18.7.); das Bauchtäschchen (20.7.). Als Nächstes: der Adapter.

Einmal habe ich sogar versucht, mir selber einen zu bauen. Theoretisch ganz einfach. Ein rundes, leichtes Blatt Papier, etwas Wasser und eine dünne Nadel. Mehr braucht man nicht. Auf das Wasser wird die Papierscheibe gelegt, und darauf der winzige Metallstift. Das kann man in jeder Pfütze machen, in jedem See, der keine Wellen schlägt, und auf dem Meer natürlich auch. Die Nadel wird die Papierscheibe drehen, bis sie nach Norden zeigt. Mehr muss man nicht wissen.

Für den Kompass ist die Welt noch immer eine Scheibe. Trotzdem kommt man mit ihm überallhin. Immer zeigt er auf den magnetischen Pol. Dorthin, wo das Kraftfeld der Erde am stärksten ist, so dass es wundersame Erscheinungen wie die Aurora borealis an den Nachthimmel zaubert. Wie oft bin ich in meiner kindlichen Fantasie diesem Magnetismus gefolgt, ins ewige Eis, ins Reich der Helden des Nichts, die mit Schlittenhundengespannen, Pemmikan und Frostbeulen dem letzten Fluchtpunkt zustrebten bis hinauf, wo die Kompassnadel um sich selbst kreisen musste. Tat sie das wirklich?

Später, als ich meinen Vater auf Segelschiffen zu begleiten begann, hütete er den Kompass wie eine Zauberkugel. Nichts Metallisches durfte dem auf die Steuersäule gepflanzten Glasauge nahe kommen. Das Schiff wäre irregeleitet in einer Welt, die keine Anhaltspunkte kennt. Nur die in Alkohol schwingende Winkelskala, nur Wasser und Himmel, und alles bewegt sich. „Was steuerst du?“ Diese Frage kam oft von unten aus der Kajüte, wo der Vater ein Nickerchen machte, und ein schneller Blick auf den Kompass zeigte meist, dass der Kurs nicht mehr stimmte. Richtige Seeleute tragen den Norden in sich.

Das mit dem Selbstbauen hat nie geklappt. Die Pfütze war nicht still genug. Oder der Wind. Aber wozu auch einen Kompass haben wollen an Land? Die kleinen Taschenkompasse in Natogrün mit Peilvorrichtung, die wir als Schüler besaßen, kamen mir immer lächerlich vor. So viel Wildnis gab es bei uns nicht, dass sie uns hätten nützlich sein können. Aber immerhin demonstrierten sie uns Pubertierenden, dass das Leben eine Richtung kennt. Und das ist das Wichtigste. Man kennt die Richtung, auch wenn man nicht weiß, wo man ist.

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