Kultur : Nicht ohne unsere Toten

Preise für Ian Kershaw und Timothy Snyder zur Eröffnung der LEIPZIGER BUCHMESSE.

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Es gehört zu den historischen Binsenweisheiten, dass Europa auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs errichtet wurde. Das Richtige auszusprechen, ohne es durch rhetorische Abnutzung in etwas Falsches zu verwandeln, ist an Abenden wie der Eröffnung der Leipziger Buchmesse allerdings eine hohe Kunst. Denn bei solchen Gelegenheiten wird gerne die Kraft des literarischen Worts beschworen, ohne dass die Redner über sie verfügen. Wenn sich aber das Glück ereignet, dass Ton und Gedanke zueinanderfinden, verwandeln sich Binsen in Erkenntnisse, und Wörter wie Terror, Todeszone oder Massenmord erhalten etwas von ihrem peinigenden Klang zurück.

So erinnert der Historiker Karl Schlögel, 2009 selbst mit dem Leipziger Preis für Europäische Verständigung ausgezeichnet, in seiner intensiv vorgetragenen Laudatio auf seine prämierten Kollegen, den Briten Ian Kershaw und den Amerikaner Timothy Snyder, an den Zusammenhang zwischen Geschichtsschreibung und Wahrhaftigkeit. Mit Schlögels Dringlichkeit können die vor persönlichen Dankesbekundungen überfließenden Reden von Kershaw und Snyder nicht mithalten. Die Bücher, für die sie ausgezeichnet werden, sprechen da bei aller bedrückenden Düsternis eine vitalere Sprache.

Kershaws Studie „Das Ende“ über die letzten Zuckungen des nationalsozialistischen Deutschlands, das noch im April 1945 am Sieg festhielt, betreibt eine bittere „Anatomie der Selbstzerstörung“ anhand von zahlreichen Einzelfällen. Und Snyders Untersuchung der zwischen Hitlers und Stalins Interessen zerriebenen „Bloodlands“ an der europäischen Peripherie birst vor Berichten über individuelle Schicksale, in denen narratives Talent und wissenschaftliches Abstraktionsvermögen verschmelzen. Und man sieht, mit Snyders Worten, in Weißrussland, was es damals wirklich war: „keine Grauzone, keine Übergangszone, kein Randgebiet; keines der tröstlichen Klischees der Soziologie des Massenmords ließ sich anwenden. Es war schwarz in schwarz.“

Zwei Bücher, eine Epoche, unterschiedliche Themen. Schlögel zeigt, wie sie das „kurze“ 20. Jahrhundert, das Eric Hobsbawm zufolge erst 1914 wirklich begann und 1989 endete, doch noch einmal neu denken. Denn Snyder, Jahrgang 1969, Schüler von Jerzy Jedlicki, Timothy Garton Ash, Sir Isaiah Berlin und Leszek Kolakowski, betrachtet seinen Stoff nicht vom Ende des Zweiten Weltkriegs aus. „1989“, so Schlögel, „nicht 1945, markiert diese Biografie.“ Das vom Eisernen Vorhang befreite Europa ist sein Fokus. Für Schlögel sind die „Bloodlands“ eine Fortführung von Wassili Grossmans großem Roman „Leben und Schicksal“, der „den Weg von Stalingrad bis zur Reichskanzlei“ zurücklegt. Kershaw wiederum, Jahrgang 1943, wagt erstmals eine chronologische Zusammenschau all der Prozesse, die dazu führten, dass noch kurz vor der Kapitulation eine „paradoxe charismatische Herrschaft ohne Charisma“ entstehen konnte.

Was folgt aus alledem für heute? „Beitritt zu Europa ja“, zitiert Schlögel eine polnische Literaturkritikerin, „aber nur mit unseren Toten.“ Das gilt es ernst zu nehmen: „Die Europäer sind dabei, zu lernen, den Toten, deren Namen sie schon kennen, die Namen jener hinzuzufügen, die ihnen noch nicht geläufig sind.“

Als musikalische Umrahmung werden zwei Sätze aus Richard Strauss’ 1904 in der Carnegie Hall uraufgeführter „Sinfonia domestica“ gespielt, das Gewandhausorchester unter Ulf Schirmer lässt sie in ihrem spätromantischen Glanz leuchten. Eine mehr als irritierende Wahl. Das Eröffnungsprogrammheft, das sonst immer auf die Musik eingeht, schweigt sich zur Geschichte des Stückes aus. Das Problem ist weniger die ambivalente Rolle des Komponisten und Reichsmusikkammer-Chefs während der NS-Zeit, sein Platz auf Hitlers „Gottbegnadeten-Liste“. Problematisch ist vielmehr gerade dieses Werk, mit dem Strauss dirigierend einsprang, nachdem der Jude Bruno Walter 1933 sein viertes Konzert mit den Berliner Philharmonikern abgesagt hatte und aus Deutschland floh: Man hatte ihm Gewalt auf der Bühne angedroht.

Auch die ästhetische Gestalt dieser mit schwerstem symphonischem Geschütz auffahrenden Tondichtung macht einen nachdenklich. Der Intimität ihres autobiografischen Gegenstands zum Trotz, einer Charakterstudie des Komponisten und seiner Familie, gibt sie sich einer irritierend heroischen Geste hin. Nichts spricht gegen die Musik von Richard Strauss im Allgemeinen. Im Kontext dieses Abends aber ist sie fehl am Platze. Noch am 14. April 1945 spielten die Berliner Philharmoniker, wie Kershaw berichtet, in einer konzertanten Aufführung übrigens das Finale von Wagners „Götterdämmerung“.

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