Kultur : Niederlande: Die Tradition der Toleranz

Willem Breedveld

Der Rest der Welt hat sich noch kaum von dem in den Niederlanden verabschiedeten Gesetz, in dem die Sterbehilfe legalisiert wird, erholt, da sorgte Gesundheitsministerin Els Borst am Osterwochenende schon für eine neue Sensation. In einem Interview im "NRC Handelsblad" stellte sie mit Bedauern fest, dass das neue Gesetz hoch betagten Menschen, die des Lebens müde sind, keine Erleichterung biete. Sie sei deshalb dafür, ihnen unter bestimmten Bedingungen eine Selbstmordpille zur Verfügung zu stellen.

Sollte das Ausland Recht haben? Sind die Niederländer buchstäblich von Gott abgefallen? Das ist maßlos übertrieben, und deshalb möchte ich einige relativierende Anmerkungen zur aktuellen Debatte beitragen. Das neue Gesetz wird nicht dazu führen, dass niederländische Ärzte künftig leichtsinnig beschließen können, Hilfe zur Selbsttötung zu leisten. Das Gesetz sieht zwar einen Strafausschließungsgrund vor, aber nur dann, wenn der Arzt äußerst sorgfältig gehandelt hat. Der Patient muss unter einer unerträglichen und aussichtslosen Krankheit leiden, er muss den Arzt nachdrücklich um eine Beendigung des Lebens gebeten haben, und der Arzt muss zumindest einen Kollegen zu Rate gezogen haben. Zudem er verpflichtet, sein lebensbeendendes Handeln einer Prüfungskommission zu melden.

Das neue Gesetz deckt die Euthanasiepraxis, so wie sie sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren entwickelt hat. Diese Praxis widersprach dem bestehenden Verbot der Sterbehilfe, das in den meisten Fällen reines Papier blieb. Gegenüber dem Richter berief sich der Arzt auf höhere Gewalt, und der Richter honorierte diese Berufung, falls der Arzt sorgfältig gehandelt hatte. Dennoch war es für viele Ärzte belastend, dass sie es weiterhin riskierten, nach jedem Euthanasie-Eingriff von den Mühlen der Justiz erfasst zu werden. In die Sterbeurkunde trugen sie darum oft eine natürliche Todesursache ein. Das neue Gesetz will dieser großen Lüge ein Ende bereiten.

Norm und Praxis

Ob das gelingt, wird sich übrigens erst erweisen müssen. Der Drang, offen und ehrlich zu sein, so wenig Raum wie möglich zwischen Norm und Praxis zu lassen - das mag typisch niederländisch sein. Der Gesetzgeber hätte auch entscheiden können, das bestehende Gesetz weiterhin anzuwenden und die davon abweichende Praxis in Kauf zu nehmen, so wie das vermutlich in den meisten anderen Ländern geschieht. In den Niederlanden löste diese Kluft jedoch eine heftige Debatte aus, die in der Forderung gipfelte, dass Hilfe zur Selbsttötung unter Umständen möglich sein sollte. So gesehen, ist die Triebfeder hinter dem Euthanasiegesetz dieselbe, die zuvor zur Legalisierung der Abtreibung und letztlich auch zur Legalisierung der Prostitution geführt hatte. Die halblegale Freigabe von leichten Drogen in Coffeeshops und die Einführung der Homo-Ehe belegen gleichermaßen, dass wir die Lücke zwischen Gesetz und Realität so klein wie möglich halten wollen.

Zur Erklärung dieses Phänomens hilft ein Blick zurück in die unruhigen sechziger Jahre. Damals fand in den Niederlanden ein kultureller Umschwung statt, der in Westeuropa nicht seinesgleichen hatte. Aus einem merkwürdigen, altmodischen Land, in dem nach einem apokryphen Spruch Heinrich Heines alles fünfzig Jahre später geschieht (selbst wenn die Welt einmal untergeht - wohl deshalb ist Heine in die Niederlande ausgewichen), wurden der Spitzenreiter in Progressivität. Das Kurioseste ist wohl, dass dieser Umschlag kaum auf Widerstand stieß.

Die Elite förderte diese Erneuerung. Sie trat den Erneuerern mit auffallend viel Verständnis entgegen, so dass die Revolution hier anders als bei der Mai-Revolte in Frankreich oder bei der Studentenbewegun in Deutschland einen relativ friedlichen Verlauf nahm. Wie war das möglich? Ausländische Kenner der Niederlande wie der englische Historiker Simon Schama, der österreichische Soziologe Ernest Zahn oder der amerikanische Politologe James C. Kennedy begründen dieses Phänomen mit der niederländischen Tradition der Toleranz.

Seit Beginn des sechzehnten Jahrhunderts haben die führenden Köpfe der niederländischen Republik durch die Konfrontation mit religiösem Pluralismus, mit starken regionalen Interessen und durch ausländische Bedrohung gelernt, Kompromisse zu schließen. Keine religiöse oder politische Überzeugung konnte den Alleinrecht für sich in Anspruch nehmen. Das ändert nichts daran, dass die Christdemokraten als größte politische Minderheit im zwanzigsten Jahrhundert die Zügel fest in der Hand hielten. Letztendlich müssen wir den Schlüssel für diesen kulturellen Umschwung daher in der Flexibilität der niederländischen Christdemokraten suchen, die sich im CDA vereinigten.

Die Beweglichkeit der Bischöfe

Flexibel waren die Christdemokraten in der Tat: Sie stimmten für die Abtreibungsgesetze, und sie waren auch schnell mit der Homo-Ehe einverstanden, mit der Legalisierung der Prostitution und der Euthanasie, bis sie 1994 in der Opposition landeten. Nun sind sie Gegner dieser Legalisierungen. Aber das Bild ist dennoch weniger schwarzweiß, als es scheint. Die Frage ist daher vor allem, warum die Christdemokraten so nachgiebig waren. Noch einmal ein Blick zurück in die sechziger Jahre: Damals setzten sich die meisten katholischen Intellektuellen zum Ziel, weitgehende Reformen zustande zu bringen, selbst wenn es zu einem Konflikt mit Rom käme. Und die Bischöfe spielten mit.

In der Reformierten Kirche war das Klima ohnehin schon progressiv. Man spielte mit in der Hoffnung, der Säkularisierung auf diese Weise Einhalt gebieten zu können, und vor allem, weil man von dem eigenen moralischen, orthodoxen Recht nicht wirklich überzeugt war. Außerdem wagt es in den Niederlanden niemand, sich konservativ zu nennen. Jeder behauptet gerne von sich, er sei fortschrittlich. Die Erneuerung, welche auch immer, ist heilig. Als die christlich-demokratischen Parteien 1981 fusionierten, war die neue Partei deshalb deutlich progressiver als die deutsche CDU/CSU.

Die Frage ist nun, ob der Zug nicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Ich bin kein Denker der Verdammnis. Die Demokraten von D 66, der Partei, zu der Ministerin Borst gehört, neigen dazu, die Forderung der Autonomie zu verabsolutieren. Als ob der Mensch im absoluten Sinne über sich selbst bestimmen könnte, ohne mit seinem Mitmenschen oder seinem Schöpfer zu rechnen. Tatsache ist auch, dass das neue Gesetz nur zum Teil dem Ehrgeiz der Demokraten entgegenkommt. Prüfungskommissionen bekommen weitreichende Befugnisse, um die Angelegenheiten nach eigenem Dafürhalten zu behandeln. Nur die Zweifelsfälle legen sie dem Staatsanwalt vor. Das bedeutet, dass nun eine Laienkommission (ein Arzt, ein Jurist und ein Ethiker) auf dem Stuhl des Richters sitzt.

Der Wunsch, nicht zur Last zu fallen

In meinen Augen geht das einen Schritt zu weit. Und jetzt auch noch die Selbstmordpille? Hier rächt es sich, dass Menschen wie Ministerin Borst denken, jedermann sei eine genauso autonome Persönlichkeit wie sie selbst. Es kommt ihr nicht in den Sinn, dass es wankelmütigere Geister gibt, die schon wegen des Wunschs, anderen nicht zur Last fallen zu wollen, einen fatalen Beschluss fassen könnten. Aber die Sterbepille wird wohl auch in den Niederlanden vorerst nicht verabreicht werden. Denn am gleichen Osterwochenende zeigte sich, dass die Minsterin mit ihrer Forderung einsam und alleine da steht.

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