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Niedersachsen-Wahl : Oh, wie schön ist Hildesheim!

22.01.2013 11:07 Uhrvon
Im Innern des Landes. Eine Stadt mit einem solchen Marktplatz verdient es, die politische Arithmetik der Bundesrepublik durcheinander zu bringen. Foto: dpaBild vergrößern
Im Innern des Landes. Eine Stadt mit einem solchen Marktplatz verdient es, die politische Arithmetik der Bundesrepublik durcheinander zu bringen. - Foto: dpa

334 Stimmen haben am Ende in Niedersachsen zugunsten von Rot-Grün entschieden und die Entscheidung fiel in Hildesheim. Aber wie ist es dort und, ja liebe Hildesheimer, wo ist das eigentlich? Unser Autor Johannes Schneider hat die Stadt gefunden, kennen und sogar tatsächlich auch lieben gelernt. Eine Huldigung.

„Das alles“, sagte meine Mutter und zog an ihrer Zigarette, „weckt in mir Fluchtinstinkte.“ Wir liefen gerade über den Campus der Universität Hildesheim, ein merkwürdiges, von architektonisch-überambitionierten Treppenhausröhren strukturiertes Betonflachbaugeviert mit – mittig – einer Art Rasenaquarium. Ein Ensemble, das wohl nur bei erklärten Liebhabern der Spätmoderne wärmere Gefühle aufkommen lässt. Zuvor hatten wir (man schrieb das Jahr 2004) in einem noch schmuckloseren Plattenbau am Waldrand mein erstes Studentenzimmer eingerichtet – in einem evangelischen Wohnheim, das bis heute das trostloseste aller im Namen Gottes errichteten Gebäude ist, die ich in meinem Leben betreten habe.

Ich selbst schaute damals auch recht sparsam. In meiner Familie studierte man traditionell in „schönen“ Uni-Städten. Das war der Anspruch, mit dem ich, damals 19, in die Welt zog. Ein bis auf einen in Legolandperfektion überrekonstruierten Marktplatz gründlich zerbombtes und später lieblos neu dahingeschludertes Provinznest, dem man seine Vergangenheit als Rosen- und Fachwerkstadt, als „Ravenna“ oder alternativ: „Nürnberg des Nordens“ nur sehr gelegentlich ansah, passte mir damals nicht wirklich ins Beuteschema. „Ich versuche es hier mal“, sagte ich und dachte an all das Gute, das ich hier studieren wollte. Wirklich viel gab ich allerdings auf Hildesheim, mich und unsere gemeinsame Zukunft nicht.

Ich blieb sechs Jahre. Ich lernte eine Stadt lieben, die vom ersten Ansehen – Der Blick über den Bahnhofsvorplatz gehört selbst für mich als Kummer gewohntes Kind des Ruhrgebiets zu den grausameren Hervorbringungen des Wiederaufbaus – so wenig liebenswert erscheint. Ich lernte mich pudelwohl zu fühlen: zwischen verbiesterten Alteingesessenen, die mir das Fahrrad aus der Hand schlugen, wenn ich es – „Hallo, Fahrräder sind hier verboten!“ – durch die Fußgängerzone schob; und einem studentischen Umfeld, das sich – angelockt von einer sehr progressiven und experimentierfreudigen kulturwissenschaftlichen Fakultät – irgendwie einen Reim auf dieses oft so empfundene „Kaff“ zu machen suchte und es dabei (zu oft, wie ich fand) in Bausch und Bogen verurteilte.

Diese Mischung gab mir – anders als Berlin, das selbst in seinen spießigen Ecken irgendwie grandios ist – die Möglichkeit eines gedeihlichen Szenenwechsels: Wurde mir die Mini-Bohème zu hysterisch, spazierte ich stundenlang zwischen Jägerzäunen. Erdrückte mich die kleine Stadt, traf ich mich mit Menschen, die mehr dem Klischee des kunstsinnigen Großstadtcharakters entsprachen als die meisten Berliner, die ich seit meinem Umzug von Hildesheim hierher getroffen habe. Ich lernte Bands kennen, die mit Ironie nach Ausgleich suchten, und Kneipen, in denen die Welten der hier angenehm bodenständig (und keinesfalls verbiestert) auftretenden Urbevölkerung und der Zugereisten aufs Herrlichste ineinander drifteten. Ich knüpfte ein Netzwerk, das bis heute nicht zuletzt den Tagesspiegel mit streitbaren Texten versorgt. Ich hatte eine saugute Zeit.

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