Kultur : Nies mal!

Zeichner Dylan Horrocksüber die Comics des Gastlands Neuseeland.

Alter Ego. Selbstporträt von Dylan Horrocks. „Hicksville“ heißt sein Comic von 1998,
Alter Ego. Selbstporträt von Dylan Horrocks. „Hicksville“ heißt sein Comic von 1998,

Dylan Horrocks, auf welche Weise prägt die Abgeschnittenheit Neuseelands auch die Comicszene?

Das Land ist zu klein für eine kommerzielle Comic-Industrie. Neuseeländische Zeichner sind es daher gewohnt, alles selber zu machen. Die Isolation ist aber nicht mehr so groß, wegen des Internet – und der Offenheit, mit der Neuseeländer in die Welt gehen.

Welche Rolle spielt die Kultur der neuseeländischen Ureinwohner?

Eine große, wenn auch oft nicht direkt sichtbare. Mein nächstes Buch erzählt von einem Comiczeichner, der eines Tages am Schreibtisch niest und sich in einer Fantasiewelt wiederfindet. Das basiert auf der Maori-Mythologie. „Tihei Mauriora“ heißt „Der Nieser des Lebens“: Der erste Mensch wurde geschaffen, indem der Waldgott Tane Mahuta Leben in ihn hineinnieste.

Greifen auch andere neuseeländische Zeichner auf so etwas zurück?

Einer unserer besten Zeichner, Chris Slane, erzählt Maori-Geschichten, teils in Zusammenarbeit mit einem Maori-Dichter. Der Zeichner Matt Tate arbeitet gerade an einem Comicbuch, in dem die Geschichten der Maori und der europäischen Bewohner zusammen präsentiert werden. 15 Prozent der Bevölkerung sind Maori, zahlreiche Regisseure, Autoren und Musiker haben einen Maori-Hintergrund, und eine zunehmend selbstbewusste Maori-Kultur ist Teil des Mainstreams geworden. Auch wurden viele Maori-Wörter in die Alltagssprache übernommen, „Whanau“ für Familie zum Beispiel oder „Aroha“ für Liebe.

In Ihrer Graphic Novel „Hicksville“ beschreiben Sie einen geheimnisvollen Ort am Ende der Welt, in dem Comics hoch geschätzt werden. 14 Jahre nach seinem Erscheinen wird es jetzt auf Deutsch veröffentlicht. Wie weit ist aus der Fantasie von damals Realität geworden?

Wenn ich heute in Läden für anspruchsvolle Comics lese, dann ist es, als wäre mein Traum Wirklichkeit geworden. Die Anerkennung für Bücher wie „Persepolis“ von Marjane Satrapi oder die Arbeiten von Joe Sacco ist enorm gewachsen, und jemand wie Chris Ware kann die außergewöhnlichsten Bücher schaffen, die auch noch Bestseller werden!

„Hicksville“ taucht gleichzeitig tief in die Geschichte des Mediums ein.

Die Comicgeschichte ist reich an großartigen Werken, die lange kaum wahrgenommen wurden. Aber dieses Erbe kann auch einschränkend sein für die Entwicklung neuer Geschichten. Auch darum ging es mit in „Hicksville“: um neue Ausdrucksmöglichkeiten. Wer die Vergangenheit als weite, offene Landschaft versteht, kann eigene, neue Wege gehen.

Sie spielen auf die Dominanz der Superheldencomics an, die Sie in „Hicksville“ kritisch unter die Lupe nehmen. Sie selbst haben allerdings als Autor für den Mainstream gearbeitet.

Mein Buch beginnt mit einem Zitat von Jack Kirby, der viele Superhelden mitgeschaffen hat: „Comics werden dein Herz brechen.“ So war es auch bei mir. Nach „Hicksville“ habe ich Superheldencomics für den DC-Verlag in den USA geschrieben, „Batwoman“ und auch ein paar Batman-Episoden. Immer geht es um Macht, Gewalt, Flucht aus der Realität, vereinfachte Moral – das sind nicht meine Fantasien. Aber es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass ich das abstoßend fand. Manchmal sind die Geschichten, die man erzählt, weiser als man selbst.

Das Gespräch führte Lars von Törne. Das vollständige Interview: www.tagesspiegel.de/comics

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