Kultur : Nietzsche kotzt

Übel: Wagner-Performance „Nueva Germania“ im HAU.

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Angst vor dem Fremden führt zu den seltsamsten Anstrengungen. Um die arische Rasse reinzuhalten, gründete der entlassene Gymnasiallehrer Förster in Paraguay „Nueva Germania“. Einige Handwerkerfamilien folgten dem antisemitischen Agitator 1886 in die Tropen. Ihre Nachfahren sitzen dort noch immer sächselnd wie Wagner und von Inzucht gequält in der ärmsten aller deutschen Siedlungen. Förster erschoss sich frühzeitig, Hitler schickte ihm später Heimaterde aufs Grab. Das erwirkte Elisabeth, Försters Frau, Nietzsches Schwester.

Sie ist der Fixpunkt in Santiago Blaums Travestie „Nueva Germania“ im HAU 2 (noch einmal am heutigen Sonntag, 20 Uhr). Hier trifft Elisabeth in einer Latino-TVShow-Kulisse auf den Cumbia-Star Gilda – ebenso bereits verstorben wie Nietzsche und Wagner, die auch irgendwo in den Kulissen stehen. Zwei Tänzerinnen schwenken dazu 90 Minuten lang ihre Hintern, was effektvoll mit Hilfe einer „Arsch-Cam“ dokumentiert wird. Die Band lässt einen Hauch Tannhäuser zwischen die Rhythmen rieseln, und dazu funkelt Neuschwanstein, von Palmen umgeben.

So gedankenlos dieser trash of cultures abgeladen wird, so bräsig verläuft die Bastard-Debatte zwischen Elisabeth und Gilda: Die Tanzkatze liebt Musik gemischter Provenienzen, während die graue Maus eine saubere Sprache bevorzugt. Weil es sich bei Eva Löbau als Elisabeth um die einzig eminente Darstellerin in „Nueva Germania“ handelt, stürzt einen der Abend in bislang ungeahnte Bekenntnisnöte. Da kann der zarte Nietzsche sich nur noch erbrechen, bevor er verspeist wird. Von den Latinos natürlich, die Arier waren ja Vegetarier. Ulrich Amling

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