Kultur : No name, please

Eine

Zur Inszenierung der großen Metropolen gehören seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Leuchtschriften der Firmen, Banken, Kaufhäuser und städtischen Betriebe, die dort zu Hause sind und Hunderttausenden Arbeit geben. Sie prägen das Gesicht des nächtlichen Himmels über den Städten und machen die Sterne unsichtbar. Wenn nach und nach viele dieser Schriften, wie in Berlin geschehen, aus dem Nachthimmel verschwinden, empfindet man dies auch in ästhetischer Hinsicht als Verlust.

Seit dem Abschied des Kommunismus aus der europäischen Geschichte, der vorlaut als „Sieg des Kapitalismus“ gefeiert wird, haben die Firmen die Ausstellungsfläche ihrer Logos und Produkte auf die Körper ihrer Konsumenten ausgedehnt. Früher erkannte man den Hersteller einer edlen Damenhandtasche an ihrer Form und am Futteral. Inzwischen läuft die halbe Menschheit mit den grell ausgestellten Logos von weltumspannenden Firmen herum. Auf dem Kopf führt sie Schirmmützen mit den Namen steinreicher Fußball- oder Basketballmannschaften spazieren; an den Füßen trägt sie Sportschuhe, deren Logos noch im Straßenstaub leuchten. Unter einem kaufmännischen Gesichtspunkt kann man verstehen, dass ein Profi-Tennisspieler nicht zum Turnier antritt, ohne vom Schläger bis zum Schweißband den Ruhm seiner Ausstatter zu verkünden. Für diesen Dienst werden Sportler mit Millionen bezahlt, ohne die sie ihre Kleinfamilien zweifellos nicht ernähren könnten.

Das Rätsel ist, warum Milliarden von namenlosen Kunden diesen Dienst ohne jedes Entgelt versehen, ja sogar teuer dafür bezahlen. Denn selbstverständlich ist eine hässliche Plastiktennistasche von Head oder Babolat doppelt so teuer wie ein ähnliches, im Zweifelsfalle hübscheres Produkt von einer No-name-Firma. Ich erinnere mich noch an die wandelnden Litfaßsäulen in den fünfziger und sechziger Jahren, die inzwischen aus dem Straßenbild verschwunden sind. In diesen runden, bedruckten Pappfässern steckten Männer, die für eine große Zeitung oder auch ein Kaufhaus warben. Man wusste, diese schwitzenden Werbeträger wurden, wenn auch schlecht, für ihren Sklavendienst bezahlt. Das Rätsel also ist, dass die halbe Menschheit diesen Dienst für die Firmen inzwischen freiwillig und ohne Honorar verrichtet. Selbst im Schlafzimmer, wenn ein Mann seiner Geliebten in romantischer Stimmung gegenübertritt, identifiziert er sich als Anhänger einer Marke. Auf dem breiten Gummiband seiner Unterhose prangt in riesigen Lettern die verheißungsvolle Botschaft: Calvin Klein, Emporio Armani.

Wer sich als Werbeträger einer bestimmten Firma ausweist, beschreibt damit seinen Geschmack, seinen sozialen Status, seine Identität. Aber ich kann es mir nicht anders denken, als dass eine zukünftige Generation diesem freiwilligen Sklavendienst den Gehorsam verweigert. Es muss und wird endlich wieder No-name- Firmen geben, die den Konsumenten einen selbstbestimmten Ausdruck ihrer Identität gestatten.

Peter Schneider lebt als Schriftsteller in Berlin. An dieser Stelle schreibt er regelmäßig über Kultur und Politik.

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