Kultur : Nora et labora

Thomas Ostermeier und seine Truppe haben sich etabliert. Beginnt jetzt das ganz große Experiment?

Rüdiger Schaper

Was geschah, nachdem Nora ihren Mann erschossen hatte? Man war erleichtert. Thomas Ostermeier, Hauptregisseur der Schaubühne, hatte mit dem radikalisierten Ibsen-Ehedrama einen unbestrittenen, nachhaltigen Erfolg geschafft; endlich. Im Original verlässt Nora das „Puppenheim“, im 19. Jahrhundert eine revolutionäre Tat. Aber am Lehniner Platz, diesem mythenbeladenen Deutschen Theater des Westens, brauchte es einmal keinen Schrecken ohne Ende, sondern ein Ende mit stärkerem Schrecken, als es der Emanzipationsklassiker anbietet. Eine Tat von hohem Symbolwert. Aneignung der Tradition durch einen Gewaltakt. Ein ganzes Magazin feuert die Spätzünderin auf den Kerl; aus Überdruss.

Seit der Premiere vor gut zwei Jahren hat sich die locker-brutale Schaubühnen-„Nora“ mit Anne Tismer in der Titelrolle zu einem der erfolgreichsten Stücke und Theaterexporte entwickelt. Moskau, London, Paris, Oslo, Kopenhagen, Barcelona, New York: Und dieses Jahr reist „Nora“ nach Seoul und Tokio, in ihrem Lara-Croft-Kostüm, mit der Schnellfeuerpistole im Holster. Am 23. Januar läuft – wieder mal ein Heimspiel – die 175. Vorstellung der Nora: fast auf den Tag genau fünf Jahre nach der Eröffnung der neuen Schaubühne. Sasha Waltz hatte im Januar 2000 mit ihrer „Körper“-Expedition die riesigen Räume im alten Hause Stein erkundet. Auch Thomas Ostermeier war zu Anfang mit Lars Noréns Sozialpanorama „Personenkreis 3.1.“ in die Vollen gegangen. Danach schien die Kraft des Aufbruchs erst einmal verbraucht.

Es galt keineswegs als selbstverständlich, dass Ostermeier & Co. das erste halbe Jahrzehnt überstehen würden. So riesig war der Erwartungsdruck, die Tradition lastete mächtig auf dem jungen Ensemble. Bis „Nora“ kam. Diese Frau ballerte der Truppe, auch wenn es nach einer vereinfachenden Legende klingt, den Weg in die Zukunft frei. Flops wie Ostermeiers „Lulu“-Inszenierung (wieder mit Anne Tismer), oder Christina Paulhofers schnell abgesetzte „Herzogin von Malfi“ und Problemfälle wie Ostermeiers Uraufführung von Marius von Mayenburgs „Eldorado“ werden nun leichter abgefangen.

Und immer wieder war es natürlich Sasha Waltz, die mit ihren Choreografien das Haus füllte. Ein Haus der starken Frauen – denkt man auch an die lose mit der Schaubühne assoziierte Choreografin Constanza Macras, in deren neuem Stück „Big in Bombay“ Anne Tismer mitspielt, und an Sarah Kane, die so jung gestorbene Dramatikerin, deren Werk Thomas Ostermeier eine exemplarische Treue hält. Im März inszeniert er Kanes „Zerbombt“ mit Katharina Schüttler, Thomas Thieme und Ulrich Mühe. Mehr und mehr öffnet sich das in der ersten Zeit arg einheitliche Ensemble für Prominenz.

Fünf Jahre neue Schaubühne: Es ist dann doch eine Erfolgsstory geworden. Ein Lehrstück. Am Lehniner Platz haben sie sich sämtliche Experimente, Irrtümer, Illusionen und Romantizismen des Stadt- und Staatstheaters der letzten 30, 35 Jahre zugemutet. Sie machten es sich verdammt schwer und hängten sich den Mühlstein eines politischen Manifests um den Hals. Sie kasteiten sich mit calvinistisch strengen Verhaltensregeln (keine Fernsehauftritte, keine Gastspieler usw.). Sie wollten fast nur zeitgenössische Dramatik spielen. Sie errichteten eine ViererDirektion. Sie glaubten an eine dauerhafte Beziehung von Schauspiel und Tanz unter einem Dach, aus einem Geldtopf. Deutsche Theatergeschichte im Zeitraffer.

All das gehört der Vergangenheit an. Mit Sasha Waltz wurde, gültig ab der kommenden Spielzeit, ein Kooperationsvertrag geschlossen. Der Tanz bleibt ans Haus gebunden – und wird wieder frei; eine Art geregelte offene Ehe.

Die Schaubühne der Dreißigjährigen wollte vor fünf Jahren ein ganz anderes Theater sein, als es heute ist. Damals die Jüngsten in der Berliner Szene – Claus Peymann startete zeitgleich am Berliner Ensemble mit einer Inszenierung von George Tabori –, wirkt die Schaubühne jetzt wie das solideste Theaterunternehmen der Hauptstadt. Die neue Schaubühne ist womöglich zu schnell erwachsen geworden, durch die Anforderungen und den Legitimationsdruck des Großbetriebs; 81 Prozent Platzausnutzung im Jahr 2004 sind allerdings ein schönes Ergebnis. Sie hat vielleicht zu viel richtig gemacht und darüber den chaotischen Zauber des Beginnens vergessen. Schaubühne, Schlaubühne: Was ihr oft abgeht, ist das Unerwartete, der überspringende Funke: Kunst jenseits von Handwerklichkeit und Kalkül.

Thomas Ostermeier liebt – nicht nur wegen Ibsen – die verkorkste Kleinfamilie als dramatische Keimzelle. Mit Mark Ravenhills „Shoppen und Ficken“, noch in der DT-Baracke, wurde er bekannt. Von dort führte der Weg steil an die Schaubühne, die nach einem Generationenwechsel lechzte. „Shoppen und Ficken“ war die Initialzündung der Ostermeier-Group, die zweite Stufe war „Nora“. Nun hofft Ostermeier auf einen perspektivischen Aufbruch. Die Regisseure Luk Perceval und Falk Richter spielen in den Planungen bis 2009 – so lang will Ostermeier auf jeden Fall bleiben – eine entscheidende Rolle. Falk Richter inszenierte zuletzt, im einstigen Tschechow-Heiligtum Schaubühne, eine gut gerupfte „Möwe“. Luk Perceval ist am ehesten zuzutrauen, dass er den gewaltigen, meist parzellierten Raum im Mendelssohn-Bau weit aufreißt.

Und was geschah noch, nachdem Nora ihren Mann erschossen hatte? Stückwahl und Ästhetik erwiesen sich als prophetisch. Mit Ibsen zielt die Schaubühne auf das neue, saturierte Bürgertum in BerlinMitte und Charlottenburg. Das trifft schon eher den Erfahrungshorizont des Publikums und der Theatermacher Mitte Dreißig, Anfang Vierzig als das new british drama mit seinen hoffnungslos Ausgestoßenen. Mit Stephan Kimmigs erfolgreichen Ibsen-Inszenierungen am Thalia Theater in Hamburg (noch mal „Nora“ und „Hedda Gabler“) verhält es sich ähnlich. „Theater heute“ beobachtet, mit Blick auf das Deutsche Theater Berlin und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, die „Rückkehr der Zimmerschlacht“.

Bürgerlichkeit scheint dem Theater jetzt gut zu tun. „Nora“ aber hat mit ihrer unterkühlten Betriebstemperatur – und das ist die eigentliche Erklärung des Erfolgs – einen Sieg errungen, der vielleicht ein Pyrrhussieg ist. Hier wird einmal nicht – wie sonst so oft und überall seit Jahren – das allmächtige Fernsehen parodiert oder attackiert. Hier versöhnt sich das Theater mit seinem Erbfeind, dem TV. Diese „Nora“ ist die allerschönste Soap. Fünf Jahre neue Schaubühne: schlechte Zeiten, gute Zeiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben