Kultur : Nora wohnt hier nicht mehr

DISKUSSION

Kerstin Decker

Thomas Ostermeiers neue „Nora“ an der Schaubühne hat einen Nicht-Ibsen-Schluss. Die Frau schießt sich den Weg frei. Was ist das? Ein Fanal? Das Zeichen eines neuen weiblichen Aufbruchs? Elke Schmitter sitzt mit Gavroche-Mütze auf dem Podium der am Sonntagvormittag voll besetzten Schaubühne und bekennt, dass sie „Nora“ für einen komplett antiquierten Text halte. Und unser Residualfeminismus überlebe nur durch eine aufgepumpte, geborgte Aggressivität. Dunkles Raunen im „Streitraum“ -Publikum. Schmitter war mal Chefredakteurin der „taz“, inzwischen ist sie die Autorin von Romanen, in denen postfeministische Erfolgsfrauen um die vierzig aus eigener Kraft ein bisschen unglücklich sind. Mittelständlerinnen wie Nora, aber eher unverheiratet. Moderator Mathias Greffrath fand dafür die sensible Beschreibung „Frauen mit kompliziertem Innenleben und einfachen Wünschen“. Und der neue Nora-Schluss, schließt Schmitter, sei bestenfalls individualneurotisch. – Ich habe das nicht ganz so gesehen, sagt der Regisseur in Richtung Schmitter. Ostermeier teilt mit Moderator Greffrath eine späte unglückliche Liebe zum Marxismus, da widerspricht das Inszenieren von Individualneurosen der Berufsehre. Gesellschaftliche Symptomneurosen sollten es mindestens sein.

So wie nach der Nora-Premiere in den skandinavischen Ländern über Haustüren einst die Warnung hing: „In diesem Haus darf nicht über Nora geredet werden!“ Solche Wirkungen will Ostermeier auch. Und wenn Dieter Bohlen statt Alice Schwarzer die Bestsellerlisten anführe, sei das ein Indiz für den backlash der Frauenbewegung. Schmitter schickt dem Schaubühnen-Intendanten einen Der-Feminismus-ist-trotzdem-tot-Blick, Ostermeier sichert sich die Sympathien der Restfeministinnen im Publikum, während die Algerierin Assia Djebar nun von den Ländern spricht, wo Nora noch nie war. – Denken wir. Aber genau das, erinnert uns Assia Djebar, die erste Frau Algeriens, die die Ecole normale superieure besuchte, genau das ist falsch. Denn es waren die potenziellen Noras – algerische Mittelstandsfrauen –, die für die Befreiung Algeriens kämpften, die dann die Universitäten besuchten, bevor sie zurückkehrten in ihre Ehegefängnisse. Das Erste, was wir abschaffen werden, haben die algerischen Fundamentalisten 1989 angekündigt, wird die „Vermischung“ von Mädchen und Jungen an den Schulen sein, die „Bastardkinder“ hervorbringe. Wir begreifen, was Europa wirklich von den arabischen Ländern unterscheidet.

Nicht, dass die Aufklärung dort nie angekommen ist – schließlich saßen selbst die Frauen Kabuls einst in den Straßencafés vor der Universität. Aber was in Europa ein historisch-folgerichtiger Prozess war, ist dort ein Zeitentaumel. Und nichts zerrüttet Gesellschaften und Menschen mehr als die jähen Wechsel von Moderne und Mittelalter.

Nur weil der Feminismus im Westen so unumkehrbar erfolgreich war, kann Elke Schmitter ihn schließlich für tot erklären. In Ostermeiers „Nora“ sehen wir ein zutiefst zeitgenössisches Beziehungsdrama, sagt Schmitter: Zwei Individuen behandeln sich gegenseitig als Objekt. Ostermeier stimmt begeistert zu, erfreut über so viel Zuschauer-Intelligenz, aber er gibt nicht auf. Auftritt des Theatermanns als historischer Materialist: 99 Prozent des Reichtums der Welt in Männerhand, zwei Drittel des gesellschaftlichen Reichtums von Frauen erarbeitet ... Beifall für Ostermeier, den Frauenrechtler des Schaubühnenvormittags. Buhs für Schmitter, als ihr einfällt, dass Frauen noch immer zehn Jahre länger leben als Männer und das für ein Indiz hält.

Und die weiblichen Welten? Haben wir sie gar unterwegs verloren? Jene weiblichen Welten, die Assia Djebar in ihren Romanen zeigt. Poetische, auch ekstatische Frauen-Reiche, die erst hinter den Schleiern beginnen und von Männern aus gutem Grund nicht gesehen werden dürfen. Die Welt von Djebars Großmutter etwa, von der das Mädchen die erste denkwürdige Nachricht vom Islam empfing: Der erste Muslim sei eine Frau gewesen. Und der Prophet wurde zum Propheten auf den mütterlichen Knien eines Weibes. – Ein feministischer Gegen-Islam?

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