Kultur : NS-Raubgut und Verluste deutscher Institutionen im Internet

Bernhard Schulz

Die Aufarbeitung des NS-Unrechts ist und bleibt unabgeschlossen. Im Bereich der Kunstbeute, die die Nazis in riesigem Umfang bei jüdischen wie auch nicht-jüdischen Eigentümern überall in Europa gemacht hatten, schien die Lage günstiger zu sein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gaben die West-Alliierten Hunderttausende von Objekten an ihre Eigentümer zurück; für die bundesdeutschen Museen schien der Restitutionsprozess abgeschlossen zu sein.

Doch in jüngster Zeit konnten Kunstwerke identifiziert werden, deren Herkunft im Dunklen geblieben war. Insbesondere die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz machte alle Anstrengungen, zweifelhafte Werke jenseits aller Verjährungsfristen zurückzugeben - und nach Möglichkeit ein zweites Mal und diesmal rechtens zu erwerben. Die Suche nach solchen Kulturgütern, so beschlossen es Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände im Dezember 1999, sollte auf der Grundlage detaillierter Empfehlungen vorangetrieben werden.

Gestern nun konnten Kulturstaatsminister Naumann und der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Gerd Harms, in Berlin die Website www.LostArt.de als erste Stufe der "Lost Art Internet Database" vorstellen. Sie enthält sowohl die in Bundesbesitz befindlichen, aus NS-"Erwerbungen" stammenden Kunstschätze als auch die Verluste öffentlicher und privater Eigentümer. Das neue Verzeichnis stellt also eine Kombination von Verlust und Fremdbesitz dar und ermöglicht so, uno actu nach dem Verbleib von Werken zu fahnden, die teils von den diversen NS-Dienststellen zusammengerafft worden waren, teils aber auch bei und nach Kriegsende abhanden gekommen und ins Ausland, insbesondere in die Sowjetunion, verbracht worden sind. Naummann bezeichnete die Internet-Liste als "Versuch, so viel Transparanz wie möglich in einen scheinbar rechtsstaatlich abgeschlossenen Restitutionsprozess zu bringen", und verwies darauf, dass Bund und Länder "nach Maßgabe der alliierten Rückerstattungsregelungen umfangreiche materielle Wiedergutmachungsleistungen erbracht" hätten. Die Washingtoner Konferenz zu Vermögensfragen von Holocaust-Opfern vom Dezember 1998 habe jedoch ein Umdenken bewirkt. Naumann machte den Zusammenhang mit den deutschen Rückgabeforderungen gegenüber Polen und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion deutlich: Es sei gut, diesen Staaten gegenüber "sagen zu können, wir haben alles durchforstet".

Im Internet dargestellt sind zunächst 2242 Objekte, die vom Bundesfinanzministerium verwaltet werden. Die dafür gebrauchte Bezeichnung "Linzer Liste" bezieht sich auf die urspünglich gedachte Verwendung der geraubten Kunstgüter für das "Führermuseum" in Linz an der Donau. Die Liste der deutschen Verluste, die insbesondere die Beutekunst umfasst, ist derzeit nur von den Bundesländern Berlin und Sachsen-Anhalt vorgelegt worden. Bis Ende kommenden Jahres sollen auch die Verluste der übrigen 14 Länder von der in Magdeburg eingerichteten "Koordinierungsstelle der Bundesländer für die Rückführung von Kulturgütern" eingearbeitet werden. Eine interne, seit 1994 im Aufbau begriffene Datenbank verzeichnet mittlerweile 3,5 Millionen vermisste Kunstwerke, Bücher und Archivalien. Die Aufarbeitung von NS-Raubzügen und Kriegsfolgen wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen.

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