"Nullnummer" von Umberto Eco : Gefallene Ritter

Was Silvio Berlusconi perfektionierte: Umberto Ecos Roman „Nullnummer“ geißelt den Journalismus als Geschäft.

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Harsche Medienkritik. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Umberto Eco.
Harsche Medienkritik. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Umberto Eco.Foto: dapd

Wer sich einst von Umberto Ecos Erstling „Der Name der Rose“ nicht losreißen konnte und auf mehr in dieser Art hoffte, hat in den letzten 35 Jahren die eine oder andere Enttäuschung einstecken müssen. Der Professor für Semiotik hat in seinem zweiten Leben als Romancier nicht nur Meisterwerke geschrieben. Sein neuester Roman allerdings ist teils geradezu ärgerlich schlecht, erst recht für einen Autor, der so viel weiß, so gut schreiben kann und so viel Witz und Fähigkeit zur Analyse hat, wie seine Einmischungen in die italienische Gegenwart immer wieder zeigen.

„Nullnummer“ erzählt die Geschichte einer Zeitung in Gründung, die nie erscheinen soll. Der Redaktion von „Domani“ macht Chefredakteur Simei weis, ein auf Enthüllungen spezialisiertes Medium sei geplant. Tatsächlich sieht das Geschäftsmodell anders aus: Die Mannschaft – eine einzige Frau ist auch dabei – soll recherchieren, nicht um zu enthüllen, sondern um mit Scoops einigermaßen glaubhaft drohen zu können und so Gegner oder Geschäftspartner des Verlegers Vimercate gefügig zu machen.

Vimercate taucht im Roman nie in Person, sondern nur in den vielen, vielen Gesprächen auf, meist als „Commendatore“ – eine unnötig deutliche Anspielung auf den „Cavaliere“, Italiens Mehrfachpremier im Ruhestand – Medienzar Berlusconi. Inzwischen ist der ein Ex-Cavaliere, weil er, rechtskräftig verurteilt, auch auf den Ehrentitel eines „Ritters der Arbeit“ verzichten musste.

1992 wurde die Korruption in der ersten Republik aufgedeckt

Die erzählte Zeit von „Nullnummer“ ist 1992, das Jahr der Zeitenwende für Italien, von „Mani pulite“, der Aufdeckung der Korruption der ersten Republik, als nicht nur Italien glaubte, eine neue bessere Zeit breche an, während tatsächlich die alten Parteien beim großen Aufräumen nur untergingen, um Schlimmerem Platz zu machen. 1992 beginnt der Aufstieg Berlusconis und eine Ära, die anders als ihr Namengeber die politische Kultur des Landes weiter prägt.

Auf die Rolle der Medien in diesem Prozess wirft Ecos Roman hartes Licht. Die Zeitung als Plattform für private Erpressung, die Menschen mit Mitteln vernichtet, die eigentlich zur Aufklärung der Öffentlichkeit erdacht wurden, dafür boten die letzten Jahre Pressegeschichte Italiens einiges Anschauungsmaterial. Eco erzählt den authentischen Fall jenes „roten“ Richters nach, der mit Bildern seiner türkisfarbenen Socken der Lächerlichkeit preisgegeben werden sollte. Auch wem man sonst nichts anhängen kann, der lässt sich mit Fotos aus seiner Mittagspause immer noch als „extravagant“ unmöglich machen. Auch die Technik der redaktionellen Reaktion auf Gegendarstellungen, die aus dem Opfer falscher Darstellung doch noch einen Täter machen, zieht Eco treffend durch den Kakao. 

Nicht alles in „Nullnummer“ ist exklusiv italienisch, und dass es in Deutschlands ebenfalls privatwirtschaftlich organisierter Presse gar keine Verleger mit außerjournalistischen Interessen gäbe, die deren Redaktionen kennen und mindestens berücksichtigen müssen – wer wollte das behaupten?

Die instruktiven Geschichten aus dem Redaktionsalltag sind bei Eco allerdings eher Aperçu als Analyse – und ersticken geradezu in der Geschwätzigkeit des Werks. Redakteur Braggadocio, der später – freilich nicht deswegen – mit einem Messer im Rücken gefunden wird, darf auf dem Weg zur Kneipe mit seinem Kollegen Colonna detailverliebt die Geschichte der Straße schildern, die beide durchqueren. Kollegin Maia, Geliebte des Ich-Erzählers Colonna, lädt den neuen Freund nicht nur in ihr Wochenendhäuschen am See ein, sondern textet ihn sofort mit Banalitäten dieser Erbschaft zu, warum sie das Häuschen lieber behält als verkauft und wie das Inselchen vorm Fenster heißt – das sich ein paar Seiten später in Colonnas Erzählung dann auch noch „wie Böcklins Toteninsel“ erheben darf.

Neben dem Maler Böcklin hat der Roman auch Verwendung für Nino Bixio, einen Kampfgefährten Garibaldis, für Mailands Nachkriegsbischof Schuster, den Geheimbund der Karbonari, den „Schwarzen Fürsten“ Borghese – einen faschistischen Hochadligen – die Brücke von San Luis Rey und das Hohelied Salomos. Letzteres übrigens braucht es zum Gesang auf Maias Brüste, die sich anders als in der Redaktion beratscht, am See als (was sonst!) „klein, aber fest“ erweisen.

Bei einem gelernten Zeichentheoretiker wie Eco will die Leserin sofort an eine zweite Bedeutungsebene glauben, hilfsweise an Ironie. Doch der Bildungsschmock bleibt, auch nach gründlicherer Prüfung, so zweckfrei wie die papiernen Reden, die Eco seinem Personal in den Mund zwingt. Vielleicht schreibt einmal ein italienischer Journalist – angesichts des grassierenden Machismo besser eine Journalistin – den Roman der Landesmedien und was der Berlusconismus aus ihnen gemacht hat. Ecos Werk ist da eher eine Nulllösung.

Umberto Eco: Nullnummer. Roman. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Hanser Verlag, München 2015. 240 Seiten, 21,90 €.

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