Kultur : Nur noch 110 000 Spitzel

Die SED gab es auch: Ilko-Sascha Kowalczuk relativiert das Bild von der allmächtigen Staatssicherheit.

Ulrich Mählert

Mehr als 5000 Veröffentlichungen zählt die beständig wachsende Bibliografie zur Geschichte der DDR-Staatssicherheit. Dennoch stellt Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch diesem Forschungsstand ein schlechtes Zeugnis aus. Die bisherige Forschung sei zu sehr auf die Stasi fixiert und habe die Geheimpolizei häufig entweder dämonisiert oder verharmlost. Kowalczuks Urteil hat Gewicht, zählt der Autor doch seit 2001 zu den herausragenden Historikern der Stasi-Unterlagenbehörde.

Kowalczuks Blick auf das „MfS in der SED-Diktatur“ zeigt nicht zum ersten Mal, dass die Geheimpolizei trotz mancher Querelen stets Instrument der SED war. Das verbreitete Bild der „Krake Stasi“, die die DDR-Gesellschaft in ihrem Griff hatte, wurde von der Fachwissenschaft schon längst verworfen: Es war die SED, die die DDR-Gesellschaft fast vollständig durchdrungen hatte; mit dem Millionenheer der eigenen Mitglieder, mit den von ihr kontrollierten Massenorganisationen, der Polizei, einer Vielzahl von Sicherheitsbeauftragten, mit Hausbuchführern, die private Übernachtungsgäste protokollierten, und vielem mehr. All diese Strukturen vermeldeten auf Verlangen und häufig aus eigenem Antrieb „Verdächtiges“. In diesem System war die Stasi eine zentrale Säule, die für die SED gleichermaßen Auswertungsinstanz und operatives Repressionsinstrument war.

Die von Kowalczuk vollzogene Relativierung der Stasi sorgt für Aufsehen, weil er die von seiner Behörde seit langem verbreitete Zahl von zuletzt 189 000 IM infrage stellt. Laut Kowalczuk waren allenfalls 60 Prozent (rund 110 000) davon im eigentlichen, verwerflichen Sinne als Spitzel tätig. Der Historiker plädiert dafür, zwei von sechs IM-Kategorien künftig nicht mehr im engeren Sinne als IM zu betrachten: Dies betrifft zum einen jene systemloyalen Funktionsträger, die mit oder ohne Verpflichtung als „Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit“ der Stasi auf Anfrage ohnehin auskunftspflichtig gewesen seien. Zum anderen sollen fortan „technische“ IM ausgeklammert werden, die etwa ihre Wohnung oder ihr Telefon für konspirative Zwecke zur Verfügung gestellt hatten. Dass eine solche Neubewertung der Stasi-IM keine Konsequenzen für die seit 1990 andauernden Stasi-Überprüfungen hätte, wird von Kowalczuk zwar behauptet, aber nicht begründet. Zwar ist es stets zu begrüßen, wenn Historiker sichere Gewissheiten infrage stellen, doch es irritiert der oft abwertende Ton, in dem sich Kowalczuk mit den Forschungsleistungen anderer auseinandersetzt.

Mit „Stasi konkret“ hat Ilko-Sascha Kowalczuk eine Studie vorgelegt, die den historisch interessierten Laien durch eine Vielzahl plastisch geschilderter Fallbeispiele über manch sperrige Passage hinwegtröstet, die sich eher an die Fachwelt richtet. Mit seiner lesenswerten Studie gibt er einen wichtigen Anstoß, mehr als zwei Jahrzehnte Stasi-Forschung zu bilanzieren und tatsächliche wie auch vermeintliche Forschungsnotwendigkeiten zu diskutieren. Ulrich Mählert

Am 19. März um 19 Uhr diskutiert Ilko- Sascha Kowalczuk die Thesen seines Buches mit Jens Gieseke, Helmut Müller-Enbergs und Klaus Schroeder (Collegium Hungaricum, Dorotheenstraße 12). Einleitend spricht Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.







– Ilko-Sascha Kowalczuk:
Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR. C.H. Beck, München 2013. 428 Seiten, 17,95 Euro.

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