Kultur : Oberton-Séparée

MICHAEL PILZ

Bang On A Can bringen Airport-Music in den Hamburger BahnhofVON MICHAEL PILZEine Schallplatte wird zwanzig.Einer der sonderbarsten Pop-Entwürfe seiner Zeit kommt als Klassiker auf die Bühne."Ambient - Music for Airports" hieß dieses Album, das der Musiker Brian Eno mit Tonbandschleifen erstellthatte, als der Punk lärmend in die Hitparaden einzog.Es waren Berliner, die als erste seinen Titel wörtlich nahmen: 1983 beschallten sie den Flughafen Tegel.Vor zwei Jahren installierten sie Enos karge Klangkulisse in Tempelhof.Nun spielt ein amerikanisches Ensemble die "Music for Airports" live vom Blatt im Aktionsraum des Hamburger Bahnhofs.An Piano und Cello, an Klarinette und Gitarre, an Baß und Schlagwerk verwandeln die Bang On A Can All-Stars das musikalische Gedankenspiel in Kunst.Sie repetieren die knappen Motive.Reichen sie vom Klavier weiter an Gitarre oder Glockenspiel, während die anderen den Sound im Fluß halten.Bei Brian Eno ging es um Räume der Musik.Um Erik Saties Idee einer "Möbelmusik" im Zeitalter des Pop.Um hin- und um weghören, wenn Musik ereignisarm, aber allgegenwärtig ist. Und hier und heute? Da lauscht ein aufmerksames Publikum jedem Ton nach.Die Bang On A Can All-Stars erheben noch den entlegendsten Oberton zum sinnlichen Spektakel.Der Raum ist das Séparée eines Kunsttempels.Alles ist anders, deshalb hat es Sinn und Klasse, wie die Gruppe diese Flughafen-Musik für ihr jährliches New Yorker Festival nun, bearbeitet, in Berlin vorführt.Mit diesem Konzert holen sie Brain Eno in die Avantgarde ihrer eigenen Komponisten: in die wogenden Klangfelder von Glenn Branca und Arnold Dreyblatt, deren formlose Stücke sie an den Anfang setzen wie eine Ouvertüre.Die All-Stars befreien den britischen Ambient-Nestor von den aktuellen Folgen seiner Musik.Ambient ist überall: in den Ruhezonen der Klubs, im Esoterik-Handel, in der Muzak der Kaufhäuser und Fahrstühle.Doch für einen Abend stellen Bang On A Can diese Vorlage quer zum Pop der Zeit.

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