Kultur : Odessa, Little Odessa

Forum: Filme über die schwierige Heimat der Juden

Silvia Hallensleben

„Geh doch zu Arafat!“ Der Marschbefehl könnte so ähnlich aus der ehemaligen deutsch-deutschen Beschimpfungskiste stammen. Auch Israel ist ein geteiltes Land, nur ist der Krieg hier heiß, und die Fronten gehen mitten durch die Gesellschaft. Die Männer, die bei einer Gerichtsverhandlung von religiösen Nationalisten verhöhnt werden, haben es gewagt, Grenzen in Frage zu stellen. Es sind ehemals gestandene Soldaten, die jetzt im Reservedienst den Einsatz in den besetzten palästinensischen Gebieten verweigern. Shiri Tsurs Dokumentation „Ratziti lihiyot gibor“ stellt sechs dieser Reservisten vor, die im Januar 2002 mit einem „Offenen Brief“ ihre Dienstverweigerung öffentlich machten. Eine persönliche Gewissensentscheidung, doch auch ein Akt politischer Moral: Denn die Menschenrechtsverletzungen am äußeren Feind fallen am Ende auf die Gesellschaft selbst zurück. Über 600 Nachahmer haben die Verweigerer bisher gefunden. Doch sie sind auch extrem angefeindet in einem Land, in dem das Militär in der sozialen Hierarchie ganz oben steht.

Arafat ist tot. Doch gerade der Hoffnungsschimmer im Nahen Osten beleuchtet die innere Zerrissenheit einer Nation, die sich seit ihrer Entstehung über Bedrohung und Krieg definiert. Eine historische Überlebensnotwendigkeit? Auch „Zero Degrees of Separation“ der 1966 geborenen kanadisch-israelischen Filmemacherin Elle Flanders thematisiert die gewalttätigen Spaltungen der israelischen Gesellschaft – und konfrontiert sie mit verblassten 16-mm-Aufnahmen aus der Pionierzeit ihrer zionistischen Großeltern. Im heutigen Israel stellt sie zwei Paare vor, beide aus jüdischen Israelis und Palästinensern zusammengesetzt, eines schwul, das andere lesbisch. Edits „Tag der Befreiung“ ist für Samira der „Tag der Katastrophe“. Während der junge Selim wegen seines schwierigen Aufenthaltsstatus immer wieder im Gefängnis landet, reist sein Freund Ezra durch das Land und zeigt, wie sich die Herrschaft in der banalen materiellen Gewalt von Straßenverläufen und Siedlertrutzburgen materialisiert.

Gebaute Lebenswelten spielen auch bei Michale Boganim eine große Rolle. Als die Regisseurin 2002 mit ihrem Kurzfilm „Dust“ im Forum zu Gast war, wurde sie von mancher Seite für ihren zu retrospektiven Blick kritisiert: Im melancholischen Blick ihrer Kamerafahrten durch die verfallenen Straßen der Hafenstadt Odessa komme das neu erblühende heutige jüdische Leben in der Stadt nicht vor. Jetzt hat Boganim ihre Odessa-Impressionen um zwei Teile erweitert, die in durchaus lebendige jüdische Gegenwarten führen. Dennoch dürften die damaligen Kritiker auch an „Odessa Odessa ...“ keine rechte Freude haben. Denn Boganim reist um die halbe Welt, nur um wieder in der Sehnsucht anzukommen.

So ist das mit Emigranten, ob sie im New Yorker Little Odessa leben oder im israelischen Ashdod, wo für die Einwanderer weißleuchtende Neubau-Kolonien am Meer errichtet werden. In Brooklyn trägt man amerikanische Flagge, ohne das Viertel je zu verlassen. Und das gelobte Land bleibt denen doch fremd und verschlossen, die sich hier einen Ort erhofft hatten, wo es in der Einheit der Juden endlich keine Diskriminierung mehr geben sollte. Jetzt sind sie als Russen wieder Menschen zweiter Klasse in einer Hierarchie, die sich erbarmungslos nach unten fortsetzt.

Heimat, so heißt es zu Recht, ist ein mit der Kindheit verlorener Ort. Das Schöne an den Helden und Heldinnen dieser drei Filme ist, dass sie der Resignation trotzen, die diese Erkenntnis hervorbringen kann.

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