Kultur : Österreich, wir kommen!

RICHARD STRADNER

Die "Diagonale", das Festival des österreichischen Films in Graz, kostet etwa soviel wie eine durchschnittliche Spielfilmproduktion, eine Million Mark.Dafür wird fünf Tage lang ein Querschnitt der gesamten österreichischen Jahresproduktion gezeigt, vom experimentellen Super-8-Kurzfilm über Dokumentar-, Kurz- und Animationsfilme bis hin zur Fernsehkomödie.Das bedeutet fünf Tage lang Ärger über den geläufigen Stumpfsinn des österreichischen Spielfilmgeschehens (was fürs deutsche Kino die oberflächliche Komödie ist, wird in Österreich von den Kabarettisten erledigt) und phasenweise helle Begeisterung über die innovative Cinematographik des Avantgardefilms.

Nach wie vor bildet dieser die Visitenkarte eines marginalen europäischen Filmlandes, das man so nur mit Vorbehalt zu nennen wagt.Es ist den jungen Intendanten Christine Dollhofer und Constantin Wulff jedoch im Laufe von zwei Jahren gelungen, aus einer Veranstaltung, die vormals in Salzburg nur wenige interessierte Journalisten und kaum Publikum in die Kinosäle zog, ein stadtübergreifendes Ereignis zu machen.Knapp eine Woche lang lebt man in Graz unter dem Eindruck, daß in Österreich eine blühende Filmszene existiert, die nur zu wenig Geld hat, um außerhalb ihrer nationalen Grenzen anerkannt zu werden.

1979 hat Roland Klick (der eigentliche Star des Festivals, dem dieses Jahr eine Werkschau gewidmet war) eine 16-mm-Dokumentation über das weltweit größte Pferderennen in den Staaten gedreht."Derby Fever USA" ist eine bestechend rasante, sehr amerikanische Fokussierung der amerikanischen Wirklichkeit jener Zeit anhand einer populären Sportveranstaltung.Das diesjährige Festival wurde unglücklicherweise mit einem Film eröffnet, der sich Ähnliches vorgenommen haben mag, dessen plakative Plattheit aber letztlich die ganze Crux des staatlich sanktionierten Österreich-Kinos verkörpert.Michael Glawogger stellt in "Frankreich, wir kommen!" seine fußballbegeisterten Mitmenschen aus der WM 98 als Cartoons vor die Kamera, und es ist immer wieder verwunderlich, daß die so Porträtierten am heftigsten über ihre verzerrten Spiegelbilder lachen können.Möglicherweise gehört es zum nationalen Masochismus, daß diese Form der dokumentarischen Sozial-Pornographie hier Erfolge feiert.In Abwandlung eines mittlerweile klassischen Thomas- Bernhard-Credos ließ sich angesichts solcher Filme sagen: "Wir sind Österreicher, wir sind häßlich."

"Kubanisch Rauchen" von Stephan Wagner wurde auf einem Schwarzweißmaterial der ehemaligen DDR gedreht, das nicht mehr in Verwendung ist.Der Film dieses unbekannten Regisseurs hatte ein Minimalbudget und verkörpert den Mut, jenseits von Anbiederungen an das Kleinkunstmilieu zu einer persönlichen Filmsprache im Rahmen eines Genres (Gangsterfilm) zu finden.Man kann nur hoffen, daß dem Regisseur nicht die gleiche Karriere widerfährt, die einer der sensitivsten Regisseure des österreichischen Films offensichtlich genommen hat.Wolfgang Murnberger, der mit seiner einfühlsamen Studie über die Zeit beim Militär ("Ich gelobe", 1994) im deutschsprachigen Raum berechtigte Erfolge feierte, hat mit seiner jüngsten Regiearbeit "Quintett komplett" altbewährte Erfolgsrezepte angewandt und eine geschliffene Sex-Komödie gedreht.Darin sitzt jeder Dialog, aber das Ganze bleibt furchtbar falsch.Er hat sich damit in die Nähe der Schwabenitzky-Niki List-Harald Sicheritz-Abteilung gerückt, die den Subventionsgebern des österreichischen Kinos an den Kassen die Rechtfertigung erbringt.Der Hauptdarsteller des Millionensellers "Hinterholz 8", der Kabarettist und Drehbuchautor Roland Düringer, erhielt für seine Rolle den Schauspielerpreis; zur Jury gehörte auch Eva Mattes.Die 100 000 Schilling (knapp 15 000 Mark) übergab der zynische Proletarier der österreichischen Filmförderung und sorgte so unter der Filmkritikergemeinde im letzten Moment für einen kleinen Eklat.Es war eine eher traurig zu nennende Angelegenheit, als er in seiner Verleihungsrede gegen den sogenannten künstlerischen Film ins Feld zog und sich dabei ins fäkalische Unterholz verirrte.

Das hatte das Festival, das mit Nikolaus Geyrhalters Tschernobyl-Dokumentation "Prypyat" (die auf der Berlinale zu sehen war) und Peter Tscherkasskys "Outer Space" zwei der würdigsten Vertreter des zeitgenössischen österreichischen Films auszeichnete, nicht verdient."Es ist schwierig, in Österreich Preise zu verleihen", konstatierte Festivalintendantin Dollhöfer bei der abschließenden Pressekonferenz.Es scheint leichter zu sein, eine Filmschau zu organisieren, die den Vergleich mit ihresgleichen - etwa Solothurn oder Oberhausen - nicht mehr zu scheuen braucht.

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