Kultur : Oh Cupido

Berliner Philharmoniker: Saisoneröffnung mit Mozart.

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Mit einem durch und durch menschenfreundlichen Konzert eröffnen die Berliner Philharmoniker ihre Saison. Dass Simon Rattle für die drei späten Mozart-Sinfonien nur 40 Musiker braucht, bringt für den größten Teil der Orchestermitglieder wohl eine kurze Urlaubsverlängerung mit sich. Die kleine Formation wiederum lässt auf dem Philharmonie-Podium Raum für zusätzliche Zuschauerreihen, was an diesem restlos ausverkauften Abend für viele glückliche Gesichter sorgt. Und Freudenquell Nummer 3 ist natürlich: Wolfgang Amadeus Mozart.

Ganz nah will Rattle den Instrumentalisten sein, er verzichtet auf Pult und Noten, ja sogar auf den Taktstock. Ohne die Romantiker im Ohr interpretiert er die Sinfonien 39, 40 und 41, ganz aus der Rückblicksperspektive. Nicht allein in den kontrapunktischen und fugierten Passagen sieht Rattle einen Bezug auf barocke Modelle, auch im Klanggestus legt er Traditionslinien musikalischer Rhetorik frei. Und siehe da: Seine Philharmoniker können klingen wie ein Ensemble, das sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben hat!

Es sind die rhythmischen, harmonischen, atmosphärischen Widerhaken der Partituren, die den Dirigenten interessieren – und die Musiker stürzen sich keck ins tönende Geschehen, kleine Imperfektionen inklusive. Sehr lebendig wird Mozarts Musik, von einem kräftigem inneren Puls getrieben, transparent in den langsamen Sätzen, funkelnd in den schnellen. Mehr an Cupido muss man da bei der finalen C-Dur-Sinfonie denken als an den titelgebenden Jupiter.

Der emotionale Höhepunkt des Abends allerdings kommt dann ganz ohne Noten aus. Nach 42 Dienstjahren hat Wilfried Strehle an diesem Freitag seinen letzten Auftritt als philharmonischer Solobratscher. Es gibt Blumen, Simon Rattle verabschiedet ihn mit sehr persönlichen, berührenden Worten, und das Publikum erhebt sich, feiert diese Lebensleistung mit dem schönsten Geräusch, das Laien im Konzertsaal machen können: mit prasselndem Applaus. Frederik Hanssen

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