Kultur : Ohnesorg gibt Intendanz der Philharmoniker auf

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Der Intendant der Berliner Philharmoniker, Franz Xaver Ohnesorg, tritt nach nur einem Jahr überraschend zurück. Er gebe seine Position aus persönlichen Gründen zum 1. Januar auf, teilte die Stiftung Berliner Philharmoniker am Dienstag mit. Ohnesorgs Vertrag läuft noch bis zum 31. August 2006. Weitere Einzelheiten wurden nicht genannt. „Da die Gründe für den Wunsch von Franz Xaver Ohnesorg persönlicher Natur sind, sind die Parteien übereingekommen, keinerlei Auskünfte darüber zu geben“, hieß es in der Presseerklärung, die von Ohnesorg und dem Chefdirigenten Simon Rattle mit unterzeichnet ist. Der Intendant wurde gebeten, dem Orchester und seinem Chefdirigenten als „Berater“ für die Dauer seines Intendantenvertrages zur Verfügung zu stehen. Das hat Ohnesorg bereits zugesagt.

Franz Xaver Ohnesorg war im September 2001 auf Vermittlung des damaligen Kultursenators Christoph Stölzl (CDU) als Nachfolger von Elmar Weingarten nach Berlin gekommen. Zuvor hatte er zwei Jahre lang die New Yorker Carnegie Hall geleitet, der er nach persönlich gefärbten Auseinandersetzungen den Rücken kehrte. Als Intendant der Berliner Philharmoniker hatte Ohnesorg die Umwandlung des Orchesters in eine Stiftung und den Antritt des neuen Chefdirigenten Sir Simon Rattle mit in die Wege geleitet.

In den letzen Monaten waren allerdings Meinungsverschiedenheiten zwischen Ohnesorg und dem Orchester laut geworden. Viele Musiker störten sich dabei vor allem an der ihrer Meinung nach zu exponierten Rolle des Intendanten. „Herr Ohnesorg wollte in Berlin das Rad neu erfinden“, so auch Alice Ströwer (Bündnis 90/Die Grünen). „Er konnte es nicht verkraften, hinter dem Orchester und seinem Chefdirigenten in der dritten Reihe zu stehen, und hat mit seiner Art viele Leute vor den Kopf gestoßen.“ Gleichzeitig bedauerte Ströwer, dass ein Manager wie Ohnesorg, der „undogmatische Wege“ beschreite, in Berlin offenbar keine Chancen habe: „Die Stadt wird lernen müssen, mit solchen Persönlichkeiten umzugehen.“ Gleichwohl habe die „Chemie“ zwischen dem Intendanten und dem Orchester von Anfang an nicht gestimmt.

Aus informierten Kreisen verlautete, dass auch Simon Rattle sich intern von Ohnesorg bereits distanziert habe. Letztlich, so hieß es weiter, sei Ohnesorg an sich selbst gescheitert. Eine Gemeinschaft von hervorragenden Musikern und einem starken und vom Orchester geliebten Chefdirigenten könne einen Autokraten wie Ohnesorg nicht dulden. Elmar Weingarten, Ohnesorgs Vorgänger im Amt und derzeit Geschäftsführer des Frankfurter Ensemble modern, sprach von einem „persönlichen Schicksalsschlag“ für Ohnesorg und lobte das Selbstbewusstsein der Berliner Philharmoniker: „Wie stark und wie gesund dieses Orchester ist, sieht man daran, wie prompt es sich gewehrt hat. Die Berliner Philharmoniker sind kein Objekt von Aktionismus und Veränderungsturbulenzen.“ Man müsse an das Orchester einfach glauben, so Weingarten. Der Chef der Berliner Senatskanzlei, André Schmitz, wollte sich zu Ohnesorgs Rücktritt nicht äußern.

Ohnesorg, der der Kölner Philharmonie zu einem innovativen Marketingkonzept verhalf, gilt in der Branche als begabter, aber nicht auf Teamarbeit erpichter Veranstaltungsmanager. Möglicherweise wird er als Verantwortlicher des Musikprogramms zur Ruhr-Triennale wechseln. Dort konnte Intendant Gerard Mortier in der vergangenen Woche Frank Castorf für den Bereich Schauspiel gewinnen. Ohnesorg leitet bereits das Klavierfestival Ruhr. Tsp

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