Oper : Applausordnung muss sein

Ohne ihn läuft in der Staatsoper nichts. Inspizient Udo Metzner zieht abends die Fäden – im Sommer auch in Bayreuth.

Katharina Teutsch
Metzner
Udo Metzner. -Foto: Teutsch

Udo Metzner ist ein Gebirge von einem Mann. Er ist nicht das Alpenvorland. Er ist die Hohe Tatra. Alles an ihm ist riesig, der Bart, die Brille, der Bauch, und wenn er losbrüllt, dann wackeln die dünnen Holzwände in den Kulissen der Staatsoper Unter den Linden. Obwohl es da noch den Intendanten, den Chefdirigenten, Regisseure und Stars gibt, ist er der „Chef“. Er bestimmt. Die anderen machen. Keiner würde das in Frage stellen. Im Gegenteil. Froh sind sie, verteilen Luftküsse und benutzen Begriffe wie „Engel“ oder „Schatz“, wenn sie Udo meinen.

Er sitzt in einem holzverkleideten Cockpit, das er „Kabuff“ nennt, und bedient eine kryptische Schaltfläche mit roten, grünen und weißen Knöpfen. Manche sind mit Zahlen beschriftet. Das sind die Nummern der Solisten in ihren Garderoben. Es gibt auch Mikrofone dort. Drückt Udo Metzner, der Chefinspizient der Staatsoper, auf die „Zwölf“, passiert zum Beispiel Folgendes: Anna Netrebko erfährt per Lautsprecher, dass sie in wenigen Minuten die Bühne betreten muss. Sie lässt sich dann von der Kostümbildnerin Kleid und Perücke zurechtzupfen und bringt sich hinter Udo Metzners Cockpit- Kabuff in Stellung. Wie ein Boxtrainer findet Udo jetzt die richtigen Worte, macht Mut, drückt im Notfall auch mal kalte, schweißige Hände. Dann kommt das Signal. Auftritt. Kein Regisseur und kein Choreograf stehen jetzt noch zwischen Solist und Publikum. Da ist nur Udo, der alle Rollen auswendig kennt.

Die letzte „Manon“-Aufführung vor acht Wochen: Es hatte ihn heftig erwischt. Fiebrige Grippe. Udo, wie ihn hier alle nur nennen, ist trotzdem zur Arbeit gekommen, weil es nicht anders ging. Es war die fulminante Nacht, als sich über 25 000 Menschen auf dem Bebelplatz versammelt hatten, um die Netrebko zu sehen. Public Viewing nannten das die Veranstalter. Die Polizei musste die Straße absperren, weil sich die vielen Menschen bis zur Humboldt-Universität verteilt hatten. Es war ein bisschen wie damals auf der Fanmeile, nur ohne Fußball. Udo hat den ganzen Ablauf der Aufführung aus dem Inspizienten-Cockpit heraus koordiniert. Es war ja ein Experiment: das mit der Leinwand, der Moderation (Alfred Biolek) und dem Sponsor (BMW).

In die Lindenoper kommt alles, was Rang und Namen hat. Bernd Eichinger zum Beispiel, der hier „Parsifal“ inszeniert hat. Vincent Paterson, der vor „Manon“ Musikvideos mit Madonna und Michael Jackson drehte. Sasha Waltz, die mit „Dido und Aeneas“ ihre erste Oper choreografierte und viele berühmte Solisten, die in der Presse als „schwierig“ beschrieben werden. Mit den meisten ist Udo per Du. Metzner betreut pro Spielzeit etwa 25 Stücke in Berlin. Dazu kommen die Wagner-Opern, die er jedes Jahr in Bayreuth über die Bühne bringt. Jetzt, da die Staatsoper in der Sommerpause weilt, ist er wieder auf dem Grünen Hügel zugange. Wenn er wählen könnte, würde er sich musikalisch öfter für die „Zauberflöte“ entscheiden und natürlich immer für Wagner. „Wenn ich mich vor Barockmusik drücken kann, dann drücke ich mich. Natürlich haut das nicht immer hin – das ist ja ganz normal.“

„Ganz normal“, dieser Satz fällt ziemlich oft im Gespräch mit dem Inspizienten, der Dinge tut, die ihm nicht unbedingt aus dem Leib sprechen. In zweiter Ehe ist er mit einer bekannten Flamencotänzerin verheiratet, die auf Fotos ziemlich feurig aussieht. Zusammen betreiben sie eine Tanzschule in Berlin. Auf die Frage, ob er selbst gelegentlich die Kastagnetten bediene, winkt er ab. „Das Tanzen überlasse ich lieber anderen.“ Wie er neben seinen vielen Opern Zeit findet, das „Lightdesign“ für die Flamencoshows seiner Gattin zu machen, bleibt wohl das Geheimnis eines Liebhabers – oder die Mission eines Besessenen. Udo Metzners Jahr vergeht ohne Pause. Immer ist er umgeben von Menschen, die in ihm den Problemlöser, den Strippenzieher, die Vaterfigur sehen – manchmal kommt alles zusammen. Er mag das.

Was muss ein guter Inspizient eigentlich können? „Schnelle Entscheidungen treffen, Technik beherrschen, Stück beherrschen, drüberstehen.“ Drüberstehen? „Ja, man muss den ganzen Apparat im Blindflug beherrschen. Das Stück auswendig kennen. Am besten rückwärts.“ Da sei aber noch etwas anderes, ohne das jeder Inspizient verloren wäre. Er braucht das, was Udo „Psychologie“ nennt. „Jeder Sänger ist anders. Der eine ist nervös. Der andere will vor der Arie noch einen Witz hören.“ Der Inspizient ist ein Allrounder und ein Autodidakt. Bis heute führt keine offizielle Ausbildung in diesen Beruf. Die meisten sind Quereinsteiger – ehemalige Tänzer oder Sänger.

Eigentlich hätte er Musiker werden sollen, Trompeter, doch dann kam ihm „diese Krankheit“ dazwischen. Eine gutartige Geschwulst, die in Udos Kopf hineinwuchs, musste entfernt werden. Bei der Operation verletzten die Ärzte ein paar Muskeln, die man zum Trompetespielen braucht. Danach, also vor über 30 Jahren, wurde Udo Metzner Inspizient. „Ich hätte mir auch nichts anderes vorstellen können“, sagt er in seinem rheinländischen Singsang. In seinem ganzen Leben habe er sich nur ein einziges Mal beworben, und das war ganz am Anfang beim Bielefelder Theater. Danach wurde er immer „geholt“, zuletzt, vor inzwischen 14 Jahren, von Daniel Barenboim an die Berliner Staatsoper. Wie und warum es dazu kam, lässt sich an dieser Stelle nicht mehr klären, weil „Fischi“ vorbeikommt. Fischi heißt mit vollem Namen Christof Fischesser und singt in Beethovens „Fidelio“ den Rocco. Udos Blick fällt erst auf Fischi, dann auf die Uhr. Eine Marotte sei das, eine Berufskrankheit. Noch 25 Minuten bis zur Vorstellung. Zeit, die Kantine zu verlassen und hinter der Bühne nach dem Rechten zu sehen.

„200 Tickets sind heute Abend übrig geblieben“, erklärt Udo den Solisten die Situation im Zuschauerraum. Er öffnet sein Inspizientenbuch. Es ist ein Klavierauszug, versehen mit speziellen Notizen zu szenischen Verwandlungen, fallenden oder sich hebenden Vorhängen und Bühneneffekten. Blitzschnell werden jetzt mehrere Knöpfe gleichzeitig gedrückt. Udo biegt sich das Mikrofon zurecht und spricht: „Einen wunderschönen guten Abend. Allen Kollegen toi, toi, toi zur 57. ,Fidelio‘-Vorführung der Staatsoper Unter den Linden.“

Um 19.32 Uhr hebt der Dirigent die Arme. Auf Udos Bildschirm ist das alles genau zu sehen. Als die digitale Zeitanzeige auf 19.33 Uhr umspringt, donnert die Ouvertüre aus dem Orchestergraben. Fünfzehn Minuten dauert das musikalische Vorspiel. Dann kommt der Befehl für den Vorhang. Auf der Bühne entfaltet sich das Drama: Florestan kennt die Wahrheit über Don Pizarros kriminelle Machenschaften. Weil Don Pizarro nicht nur kriminell, sondern auch Gefängnisgouverneur ist, sitzt Florestan im Kerker. Seine Frau Leonore schleust sich als Fidelio in Männerkleidern bei Kerkermeister Rocco ein. Dann die typische Opernintrige: Pizarro will Rocco zum Mord anstiften. „Was soll ich? Redet! Redet!“ „Morden!“ Rocco ist entsetzt, und Pizarro beschließt: „Dann werd’ ich selbst vermummt mich in den Kerker schleichen. Ein Stoß – und er verstummt!“ Kurz nach „ein Stoß – und er verstummt“ werden die 16 Eisenstangen aus dem Kerker nach oben abgezogen. Lautes Scheppern. Eine der Stangen ist an die Aufhängung gestoßen.

„Und schon ist die Aufführung nicht mehr perfekt“, sagt Udo. Es scheint ihn nicht sonderlich aufzuregen. Er kennt da Schlimmeres. In über 30 Jahren hat er vielleicht zehn perfekte Vorstellungen erlebt. „Nach einer Vorstellung brauche ich zwei bis drei Stunden, um runterzukommen. Adrenalin – das ist ja ganz normal“, sagt Udo.

Der „Fidelio“ ist ein eher unspektakuläres Stück. Nur ganz am Schluss muss Udo ein bisschen brüllen, weil Fischi und den anderen die Applausordnung nicht ganz klar war. Da bekommt man dann eine Idee von der Gewalt, die in diesem sonst eher ruhigen Naturell schlummert.

Udo Metzner lockert seine Krawatte. Er sammelt Schlipse. Auf dem von heute ist ein Elefantenorchester zu sehen: Einer spielt Geige, einer Trompete, einer dirigiert. Das Inspizientenbuch wird zugeklappt und weggeschlossen, alle Maschinen abgestellt. Als Letztes fahren die elektrischen Rollläden am „Kabuff“ nach unten. Udo verstaut den riesigen Schlüsselbund, mit dem er eben die Rollladentür verriegelt hat, wieder in seiner Tasche. Auf einem kleinen Emailleschild neben der Tür ist zu lesen: „Arbeit ist schön. Deshalb immer etwas für morgen aufheben.“

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