Oper: "Die Frau ohne Schatten" : Die Kunst der Fügung

Die Wahlnacht zum Montag war auch in der Deutschen Oper eine entscheidende: Kirsten Harms inszenierte „Die Frau ohne Schatten“ – und kündigt ihren Abschied an.

Christine Lemke-Matwey
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Showdown in Mondlandschaft. Bei Richard Strauss kommen Kaiserin und Kaiser wieder zusammen. Die fiesen Vogelmonster machen die...Foto: Braun/Drama

Dass dieser Abend ein entscheidender werden würde, kündigt sich lange vor dem letzten Akt an, in dem Menschen und Mächte wie Lemuren durch eine wüste, wenig helle Mondlandschaft krabbeln. Zum einen hat Kirsten Harms, die Pionierin der Ausgrabungen, sich mit Richard Strauss’/Hugo von Hofmannsthals opulent-okkulter Zauberoper „Die Frau ohne Schatten“ erneut auf ein Werk des Kernrepertoires kapriziert – auf ein raunendes, rätselndes, symbolistisch-krudes, selten gelingendes zwar, aber immerhin (mit Wagners „Tannhäuser“ vor einem Jahr taten sich alle leichter).

Und dann ist ja noch Wahl: Auf Monitoren kann das Publikum in den Pausen die Hochrechnungen verfolgen, auch hier bahnen sich Veränderungen an. Und die ausgezehrten Gesichter der Damen Merkel und Künast, der Herren Westerwelle und Steinmeier hätten gewiss ein treffliches „hohes“ Kaiser/Kaiserinnen- und „niederes“ Färber/Färberinnen-Paar abgegeben. Doch so weit reicht weder das künstlerische noch das politische Selbstbewusstsein an der Berliner Bismarckstraße.

Die Premierenfeier mit den üblichen warmen Worten ist kaum vorüber, da lässt Kirsten Harms am Montag früh in einer „persönlichen Erklärung“ verlauten, dass sie für eine Vertragsverlängerung als Intendantin der Deutschen Oper Berlin über 2011 hinaus nicht zur Verfügung stehe. 2011 endet ihr Vertrag, ordnungsgemäß, seit mindestens zwei Jahren fahndet die Berliner Kulturpolitik ebenso händeringend wie glücklos nach einem Nachfolger.

Der frisch bestallte Generalmusikdirektor Donald Runnicles ist nicht Harms’ Wahl und sie ist nicht seine, schon wird gemunkelt, der Regierende Kultursenator Klaus Wowereit und sein Staatssekretär André Schmitz wollten Harms eine interimistische Verlängerung von 24 Monaten anbieten, um mehr Zeit zu gewinnen und das Haus nicht kopf- und führungslos seinem Schicksal zu überantworten. Eine alles in allem hässliche, peinliche, unerquickliche, für die Deutsche Oper wie für Kirsten Harms sicher nicht länger zumutbare Situation.

Nun hat sie reagiert und ihre Art der Notbremse gezogen, „um mich betreffende Spekulationen zu beenden und für mehr Klarheit im Haus und in der Stadt zu sorgen“. Es mag zum Führungsstil der ätherischen Hamburgerin passen, zu ihrem durchaus mangelhaften Gespür für Krisenhaftes, dass der Zeitpunkt dieser Wortmeldung nicht ungünstiger sein könnte. Muss es denn unbedingt der Tag nach einer großen eigenen Premiere sein? Und warum tritt eine Intendantin als Regisseurin sich (und ihren Dirigenten, ihre Darsteller!) derart mit Füßen? Wie man die öffentliche Wahrnehmung erfolgreich von der Kunst – respektive der „Frau ohne Schatten“ – weg und aufs leidige Feld der Kulturpolitik lenkt, dafür ist dieses Procedere ein Musterbeispiel.

Warum nicht anders, nämlich taktisch reagieren: mit Druck etwa, indem man Hofmannsthals Märchen von der Unfruchtbarkeit, die einzig durch Selbstüberwindung gelöst werden kann, als Parabel auf die eigene Unterdrückung anwendet und inszeniert.

Kirsten Harms hingegen genehmigt sich ein letztes Löffelchen Kreide und hofft vielleicht darauf, am Ende doch noch geliebt und gebeten zu werden – wenn sich nämlich auch weiterhin für Berlins größtes Opernhaus kein ernst zu nehmender Interessent finden sollte, der in Kauf nimmt, dass die meisten Pläne für die nächsten Jahre mit und um Donald Runnicles längst geschmiedet worden sind. Harms’ Worte jedenfalls klingen – apropos Selbstüberwindung – sybillinischer als sybillinisch: „Ich wünsche mir von der Berliner Kulturverwaltung ein beherztes Vorgehen bei der Nachfolgesuche, da das Entscheidungsvakuum die Handlungsfähigkeit der Deutschen Oper Berlin schon lange beeinträchtigt.“ Und natürlich freue sie sich auf die ihr verbleibenden zwei Jahre.

Kirsten Harms ist jetzt 53, sie dürfte noch etwas vorhaben im Leben. Um ihren Ruf nicht weiter zu ramponieren, war es höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen. Bleibt Harms standhaft, hat die Berliner Kulturpolitik ein echtes Problem. Wird Harms weich, hängt allen Beteiligten bis auf Weiteres ein schaler Geschmack im Munde. Ein echtes Dilemma.

Harms’ „Frau ohne Schatten“-Regie jedenfalls in Bernd Damowskys Bühnenbildern, mit Ulf Schirmer am Pult, zieht eine repräsentative Summe aus fünf Jahren Intendanz. Eine musikalisch wie sängerisch respektable Leistung, eine Ästhetik mit heftigen Anleihen bei den Achtzigerjahren und eine Inszenierung, die in braver Tradition „eine Geschichte“ erzählen will und sich ganz dem Realismus hingibt. Die Libretto-Fische jedenfalls, die die Amme (grandios in ihrer hysterischeisenfresserischen Darstellung, ihrem zerklüfteten Mezzo, ihrer textlichen Prägnanz: Doris Soffel) im zweiten Akt dem Färber in die Pfanne wirft, sie wirken tatsächlich, als hätte die Requisite sie mehr oder weniger frisch von nebenan besorgt, aus Rogackis Räucherofen.

Im ersten Akt, einem in schwarzen Marmor gehauenen, pseudofaschistischen Ambiente, ist man noch recht einverstanden. Das Stück ist verquast und seine Musik wahrlich selbsttrunken genug, als dass man es nicht goutieren könnte, wenn der Kaiser in Breeches und Trachtenjanker zur Jagd aufbricht (mit metallischem Tenor, eher forcierend: Robert Brubaker) oder die Kaiserin im weißen Satin-Negligé als Inbild der femme fragile über die Bühne wankt und weht.

Am stärksten gelingt Kirsten Harms hier die erste Szene in der Färber-Welt, einem düsteren Arme-Leute-Setting: Wie die Färberin sich verweigert, bald bockiges Kind, bald höhnische Megäre, während Barak, der Färber, bloß lieb sein will und geduldig den Tisch deckt, das hat musikdramatische Spannung. Zu danken ist dies vor allem dem mühelos zu Herzen gehenden, innig leuchtenden Bariton von Johan Reuter. Aber auch Eva Johansson geht ihre Sache mutig an, weiß hie und da aufs Vibrato zu verzichten und scheut schrillere Spitzentöne nicht.

Im Verbund mit ihnen bleibt Manuela Uhls Kaiserin über weite Strecken blass. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Ulf Schirmer mehr am Strukturellen der monströsen Partitur interessiert zu sein scheint als an ihren lyrischen Magnetismen und klangerotischen Strudeln. Das Orchester der Deutschen Oper liefert eine gut durchhörbare und verdienstvoll schlackenlose, phasenweise aber auch ziemlich laute Lesart, der eher „klein“ besetzte Stimmen wie Uhls Sopran wenig entgegenzusetzen haben. Wer diese Kaiserin ist und was sie treibt, diese Antwort bleibt allerdings auch die Regie gnadenlos schuldig.

Der dritte Akt, eine einzige Wüstenei, wie gesagt, Brocken aus Fels, als wären alle Magrittes der Welt auf einmal vom Himmel gefallen, Geysire, Krater, Schlünde, schummriges Schwarz-Weiß. „Ich will nicht!“, kreischt die Kaiserin im entscheidenden Augenblick, schleudert es den Verführern, dem Männergericht entgegen, und dann will sie eben doch und geht mit dem Kaiser ab, und der Chor der Ungeborenen singt sich in ihren fruchtbaren Schoß. Verzichten, entsagen, klug sein, sich fügen, das können diese Strauss-Frauen. Zumindest von der Regisseurin Kirsten Harms hätte man eine andere Utopie erwartet.

- Wieder am 2., 8., 11. und 18. Oktober


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