Oper : Die Liebe in der Unterwelt

Salzburger Festspiele: Vera Nemirowa inszeniert „Lulu“ – und Riccardo Muti dirgiert Gluck. Ein Opernpremierendoppelschlag, ein Versuch, musikalische Kammerspiele aufs Breitwandformat zu projizieren.

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Opernmalerei. Patricia Petibon und Pavol Breslik auf Daniel Richters Bühne.
Opernmalerei. Patricia Petibon und Pavol Breslik auf Daniel Richters Bühne.Foto: AFP

Heuer feiert man in Salzburg 90 Jahre Festspielglanz – und nebenbei den Abschied von Intendant Jürgen Flimm, der an die Berliner Staatsoper wechselt. Er hat es blendend verstanden, den Erwartungen von repräsentativer Kunst an der Salzach zu entsprechen – und für die, die es sehen wollten, kleine dramaturgische Widerhaken in seinen Programmen einzubauen.

2010 rückt so das subjektivste, radikalste, fragilste Gefühl auf Erden in den Mittelpunkt der Planung: die Liebe. Mit Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ darf die Liebe den Tod überwinden, während in Alban Bergs „Lulu“ die Büchse der Pandora geöffnet wird, Begehren und Verderben unauflösbar miteinander verschmelzen.

Weg vom Blendwerk der Oper, ihren endlosen Verzierungen und gezierten Thrillern, weg von allem Glamour – dorthin wollte Gluck seine Reform des Musiktheaters führen. In Salzburg wurde für „Orfeo ed Euridice“ ein altmeisterliches Team engagiert, Dieter Dorn für die Regie, unterstützt von seinem getreuen Ausstatter Jürgen Rose, dazu den beinahe kultisch verehrten Riccardo Muti am Pult der Wiener Philharmoniker. Eine Absage ans Wagnis, vielleicht auch das kalkulierte Zuckerl für die Festspielseele nach der Eröffnungspremiere mit Wolfgang Rihms Nietzsche-Fantasie „Dionysos“.

Dorn und Rose reduzieren, wo sie können, schaffen abstrakte Räume mit betörend abgestimmten Farbnuancen, suchen nach einer feinen Fassung für die Trauer der Trennung und den Schmerz des unerwarteten Wiedersehens. Doch vieles bleibt dabei Mimikry, weil nicht bis zu dem Punkt geführt, wo Stilisierung tatsächlich Verinnerlichung bedeutet. Da werden Götter mit Bärten auf die Bühne geschoben, Damen hantieren verkrampft mit Orpheus’ Leier herum und sollen „den Klang“ symbolisieren. Die Seligen eiern unberaten über die stillen Wasser des Elysiums. Unerklärlich, wo doch auch ein Choreograf im Besetzungszettel genannt wird. Auch Dorns einziger Regieeingriff bleibt zahm, weil zahnlos abgestellt. Während Amor versucht, die Schmerzen der Liebe in ihren Sieg zu verwandeln, toben hinter ihm Liebeskämpfe aller Art. Abschied und Wut, Gewalttänze und Blumensträuße als Waffen. Das Ringen um den erlösenden Blick des anderen hört niemals auf, der ungelenk(t)e Bühnenkrampf glücklicherweise rasch.

Vielleicht ist er auch nur Ausdruck einer großen Einsamkeit. Denn Ricardo Muti dirigiert einen oberflächenveredelten Gluck, an dessen altgoldener Metalliclackierung jegliche Regung abperlt. Der Maestro wendet sich bewusst von allem ab, was Kollegen in den vergangenen zwei Jahrzehnten an Klangweite und Affekttiefe in Glucks Musik entdeckt haben. Muti versenkt sich und die ihm bedingungslos folgenden Wiener Philharmoniker in einen Zustand weihevoller Selbsthypnose. Ein schaler Rausch. Und Stimmen werden laut, die behaupten, bei Karajan hätte das 1959 viel frischer geklungen. Doch es gibt Elisabeth Kulman. Die österreichische Mezzosopranistin verkörpert den idealen Orpheus, von zartem Bewusstsein für die eigene Kunst des Augenblicks erfüllt. Die Pracht ihrer Stimme setzt sie niemals voll ein, überwältigt nie, bewegt immer.

„Erstens muss die Lulu gut aussehen, aber schon sehr gut aussehen. Zweitens muss sie eine leichte bewegliche Stimme haben, die mit der oberen Quint aber auch nicht die geringste Schwierigkeit hat.“ So stellte sich Alban Berg die Heldin seiner unvollendeten Oper „Lulu“ vor. Mit Patricia Petibon wartet Salzburg mit einer aparten Besetzung auf: Einer betörenden Stimme, die Barock-Gott William Christie entdeckt und gefördert hat und einer jungen rothaarigen Frau, die ihren Körper selbstbewusst ins Spiel bringt, mit bebenden Nasenflügeln das Leben einsaugt. Eigentlich spricht nur eines gegen sie: Als Französin ist sie den Mixturen aus gesprochenem und gesungenem Deutsch nicht gewachsen. Die Übertitel retten da den Kontakt zur Bühne.

Die riesige Front der Felsenreitschule hat Daniel Richter mit seiner Kunst gefüllt, nach Jonathan Meese im „Dionysos“ der zweite bildende Künstler als Bühnenbildner heuer in Salzburg. Besonders eindringlich gelingt ihm sein Prospekt für den zweiten Akt, in der Lulus Ehe mit Doktor Schön in Verfolgungswahn und Mord endet. Zwischen Leben und Tod oszillierende Köpfe leuchten ins Publikum, Zeugen des Grenzkonflikts zweier Menschen, die nicht ohne einander und nicht miteinander leben können. Vera Nemirova hält bei ihrer Regie des tödlichen Reigens engen Kontakt zu diesem Paar, glaubt Lulu, dass Schön ihre einzige Liebe ist, sucht einen festen Punkt in der Trift der Lust. Ein Glück, dass Patricia Petibons Lulu mit Michael Volle ein echtes Gegenüber findet. Kraftvoll auch in der Verzweiflung, herrisch in den Versuchen, sich von Lulu zu befreien, zärtlich in seiner Kapitulation vor dem Eros dieser Verbindung.

Marc Albrecht am Pult der Wiener Philharmoniker wagt diesen letzten Schritt nicht. Er verwaltet den Klang subtil und organisch, hilft den Sängern über allzu unmenschliche Klippen hinweg. Doch er ist nicht von jener Melancholie durchpulst, die Berg immer wieder unter die Szenen mischt. Albrecht ist ein Ungefährdeter, der aber Anteil zu nehmen vermag, ohne in Klangdämonie zu verfallen. Damit ist er Nemirovas „Lulu“-Sicht nahe, die keine Schuldfragen stellt und eingesteht, dass der Liebe mit moralischen Kategorien allein nicht beizukommen ist. Darin weiß sie sich einig mit Karl Kraus, der angesichts des Skandals um Wedekinds Drama postulierte: „Nichts ist billiger als sittliche Entrüstung. Das Gefühl dieser Wohlanständigkeit, das Gefühl, den auf der Bühne versammelten Spitzbuben und Sirenen moralisch überlegen zu sein, ist ein gefesteter Besitz, den nur der Protz betonen zu müssen glaubt.“

Zum letzten, von Friedrich Cerha komplettierten Akt, bricht Nemirova die Szene auf, lässt die Spekulanten und Mädchenhändler sich aus den Reihen des Festspielpublikums schälen, optisch ununterscheidbar, ungebremst in ihrer Habgier. Vor diesem Hintergrund begegnen sich die Liebenden, ein letztes Mal. Nun bringt Jack the Ripper als Widergänger Doktor Schöns die müde gewordene Lulu um. Daniel Richter zeigt dazu eine verlassene Winterwaldlandschaft.

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