Oper konzertant : Milde von Staats wegen

Mozarts selten gespielte Oper „La clemenza di Tito“ als Konzert an der Komischen Oper.

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Der Chef. Generalmusikdirektor Henrik Nánási.
Der Chef. Generalmusikdirektor Henrik Nánási.Foto: Jan Windszus Photography

Metastasio ist schuld. Seinem von Dutzenden Komponisten vertonten Libretto „La clemenza di Tito“ verdankt sich der sonderbare Umstand, dass der römische Kaiser Titus als Inkarnation des gütigen Herrschers in die Geschichte eingegangen ist. Und nicht als Vernichter des Jerusalemer Tempels, eine Tat mit nie enden wollendem Echo bis zum heutigen Nahostkonflikt. Auch die Oper, die Mozart wenige Wochen vor seinem Tod auf Grundlage von Metastasios Text geschrieben hat, huldigt dem aufklärerischen Ideal des milden, vergebenden Herrschers. Doch die Auftragsarbeit zur Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen, von Mozart im Windschatten von „Zauberflöte“ und Requiem hastig aufs Papier geworfen, bleibt trotz anmutiger Arien blutleere Staatskunst. Bühnen fassen „Tito“ deswegen meist nur mit spitzen Fingern an, da hilft auch das Label „Mozart“ nicht. Immerhin schickte Christoph Hagel die Oper 2010 im Bode-Museum auf den Laufsteg. Und jetzt hat sich die Komische Oper für eine einmalige konzertante Aufführung erbarmt.

Die Gesangsnummern – Arien, Duette Terzette – sind tatsächlich das Einzige, was sich zu retten lohnt. Das Stück krankt daran, dass sich Titus als Figur nicht entwickelt, wie etwa Bassa Selim in der „Entführung aus dem Serail“. Seine Güte ist von Anfang an „fertig“, wirkt wie eine propagandistische Blaupause. Mit etwas dünnem, aber schön timbriertem, salbungsvollen Tenor verkörpert Johannes Chum in der Titelrolle tatsächlich die Milde selbst, Typ Al Bano, allerdings mit deutlich mehr Power in der Stimme. Simone Schneider schmiedet als Vitellia mit einem furiosen, in tiefen Alt-Bereichen siedelnden Sopran sinistre Anschlagspläne gegen ihn und rüstet vokal erst ab, nachdem diese gescheitert sind. In der Arie „Non più di fiori“ leidet sie, ganz Diva, vor allem um sich selbst – dass auf den von ihr angestachelten Attentäter und Liebhaber Sesto die Hinrichtung wartet, interessiert sie nicht.

Theresa Kronthaler, als gerade genesen angesagt, singt diesen Sesto mit zunächst deutlich verminderter Strahlkraft, ertrotzt sich aber dann noch verblüffende stimmliche Freiheiten. Dazu kommt eine starke Sängerriege in den Nebenfiguren. Dirigent Henrik Nánási verzichtet in gewohnter Manier darauf, die Partitur tief gründelnd zu erforschen, betätigt sich lieber als orchestraler Einpeitscher – und verlässt das Pult entsprechend verschwitzt. Es hilft wenig: Das Titus’ Großherzigkeit bejubelnde finale C-Dur bleibt auch in der konzertanten Fassung ziemlich hohle Klangpracht.

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