Oper : Musik ist Trumpf im Schiller Theater

Daniel Barenboim startet einen neuen "Ring des Nibelungen" mit der Staatsoper im Schiller Theater. Regisseur Guy Cassiers setzt auf suggestives Lichtdesign.

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Wagalaweia. Alberich (Johannes Martin Kärnzle) ringt um die Gunst der Rheintöchter.
Wagalaweia. Alberich (Johannes Martin Kärnzle) ringt um die Gunst der Rheintöchter.Foto: Drama/Bresadola

Ein Hauch Bayreuth in Berlin: Ganz ohne Auftrittsapplaus für Daniel Barenboim beginnt am Sonntag Richard Wagners „Rheingold“. Weil der Orchestergraben im Schiller Theater maximal heruntergefahren wurde und zusätzlich eine schwarze Sichtblende an der Brüstung angebracht ist, sieht keiner den Dirigenten kommen. Das Licht im Saal verlischt – und wie auf dem Grünen Hügel beginnt die Musik aus dem Nichts.

Anders als in Bayreuth aber bleiben die einzelnen Instrumentalstimmen in der Charlottenburger Spielstätte der Staatsoper deutlich unterscheidbar, verbinden sich nicht zum berühmten Bayreuther Mischklang. Um das Rauschhafte der Wagnerschen Musik geht es Daniel Barenboim auch gar nicht. Er strebt an diesem ersten Abend der neuen Tetralogie nach größtmöglicher Klarheit. Eine echte Überraschung für alle, die den Maestro als Entfessler mächtig aufrauschender Orchesterwogen kennen. Seit über 20 Jahren dirigiert er nun schon den „Ring des Nibelungen“, kennt jede Tücke der Partitur – und entscheidet sich gerade deshalb gegen die Routine, horcht dem Werk neue Aspekte ab, arbeitet Details mit kammermusikalischer Akkuratesse heraus. Bis in die feinsten Verästelungen ist vor allem das filigrane Zierwerk der Violinen nachzuvollziehen. Und wenn Barenboim wirklich mal einen Akzent setzt, die Musik aufbrausen lässt, wie beispielsweise in dem Moment, in dem Wotan den gerade erst mühsam erbeuteten Weltherrschaftsring an die Riesen abtreten muss, dann macht das nachhaltig Eindruck.

Überhaupt verblüfft die Akustik des Schiller Theaters: Die Staatskapelle knallt hier viel weniger als im Stammhaus Unter den Linden. Ob das auch an der Nachhilfe durch die berüchtigte, von dort mitgebrachte Nachhallanlage liegt, ist mit bloßem Ohr nicht zu ermessen. Der geradlinige, tendenziell ein wenig trockene Klang aber passt perfekt zum schlicht-organischen, konzentrationsfördernden Ambiente des Nachkriegsbaus.

Und die Stimmen können sich frei entfalten wie selten bei Richard Wagner. Dieses „Rheingold“ bietet keine Jetset- Stars auf, stattdessen bekommen Sänger aus dem hauseigenen Ensemble die Gelegenheit, sich auszutesten. Stephan Rügamer (seit 1999 an der Staatsoper) gibt den Loge als Springteufelchen im E.T.A. Hoffmann-Gehrock, optisch fast ein allzu lustiger Geselle, dessen unsteten Charakter Rügamer aber durch chamäleonhaft wechselnde Tonlagen offenbart. Anna Samuil (seit 2004 dabei) glänzt in der Minirolle der Botox-Göttin Freia, Hanno Müller-Brachmann, seit 12 Jahren eine Stütze des Ensembles vor allem im Mozartfach, ist Wotan.

Hier kann er den Drang, seinen Bariton einzudunkeln, einmal voll ausleben. Der edle Klang, die vorbildliche Textverständlichkeit betonen allerdings die selbstgefälligen Seiten des Götterchefs – das erleichtert seinen Widersachern ihr böses Spiel: Johannes Martin Kränzles grotesk geifernder, furios fluchender Giftzwerg Alberich wird so zum Star des Abends. Als liebender Riese Fasolt entfaltet Kwangchul Youn (Ensemblemitglied von 1994 bis 2004) seine bekannte balsamische Bassschönheit. Das Konzept, dieses Konversationsstück nicht mit den üblichen, schwer- und schwarzstimmigen Verdächtigen des Wagnerfachs zu besetzen, sondern mit durchweg leichten Stimmen, geht jedenfalls voll auf.

Nun ist es ja nicht so, als hätte irgendjemand diesen neuen „Ring des Nibelungen“ sehnsüchtig erwartet. Sogar unmittelbar vor der sonntäglichen Premiere waren noch Karten zu haben. Wagnerianer sind treue Menschen, Produktionen, die sie einmal ins Herz geschlossen haben, können sie gar nicht oft genug sehen. Götz Friedrichs stets bestens besuchte Tetralogie an der Deutschen Oper ist ein Paradebeispiel dafür, auch Harry Kupfers 1996 vollendeten Linden-„Ring“ hätte man noch ewig weiterspielen können. Wenn Daniel Barenboim nicht auch die musikalischen Geschicke des Teatro alla Scala lenken würde. Eine Quersubventionierung aus Deutschland kam den Italienern für ihren „Ring“ gerade recht. „Rheingold“ und „Walküre“ kommen zuerst in Mailand heraus, für „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ erhält Berlin das Recht der ersten Nacht.

Dass der Besetzungszettel den Beleuchtungsmeister Enrico Bagnoli als Ko-Bühnenbildner nennt, sagt viel über Guy Cassiers’ Inszenierung aus: Lichteffekte und Schattenspiele ersetzen weitgehend die Personenführung. Eine Interpretation der Handlung findet nicht statt, Cassiers arrangiert die Geschichte vom doppelten Raub des Rheingolds brav nach dem Libretto, es reizt ihn überhaupt nicht, die gesellschaftskritische Sprengkraft aufzudecken, die hinter der mythologischen Handlung steckt. Auf einer deutschen Bühne ist so viel naiver Glaube an die Kraft der Musik fast schon ein Skandal. Oder Balsam für alle, die sich an den Aktualisierungen, Dekonstruktionen und Zertrümmerungen gründlich sattgesehen haben, die keine Lust mehr verspüren auf Regisseure, die sich in den Vordergrund drängen, mit aggressiver Optik das Zuhören erschweren, weil im Wettstreit der Sinne das Auge immer über das Ohr triumphiert.

Guy Cassiers genügen ein paar Hintergrundprospekte, die sich raffiniert ausleuchten lassen, es gibt ein wenig modernen Medienschnickschnack mit Live-Kameras – und die Tänzer der Eastman Company (Choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui), die mit ihrem Eurythmie-Expressionismus überwiegend nerven, aber auch für den frappierendsten Effekt des Abends sorgen, wenn sie sich zum lebenden, vielarmigen Tarnhelm formieren.

Denkbar unmodisch ist die Staatsoper in ihrem Charlottenburger Zwischendomizil gestartet: Am 3. Oktober mit Jens Joneleits „Metanoia“, der Karikatur eines zeitgenössischen Musiktheaters, dessen Titel sich nicht nur griechisch lesen lässt, sondern auch italienisch: metà noia – zur Hälfte langweilig. Und jetzt dieses dekorative Schreit- und Stehtheater. Ästhetisches Statement oder Zufall? Das Schöne, befand Friedrich Schiller, blüht nur im Gesang. Wenn die Musik Substanz hat.

Wieder am 20., 23., 27. und 31. Oktober.

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