Oper : Szenen einer alten Ehe

Heroische Wirren und Strauss zum Kennenlernen: "Die Ägyptische Helena" an der Deutschen Oper.

Sybill Mahlke

Die Musik ist eine Droge. „Die ägyptische Helena“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal macht trunken von Klängen. Griechischer Wagner, wie der Komponist gesagt hat. Und wenn die betörenden Klangräusche vorbei sind, die das Publikum in der Deutschen Oper Berlin mit großem Jubel feiert, schmerzt die Frage, was bleibt. Die Premiere als voller Erfolg, den sich Regisseur Marco Arturo Marelli, das Orchester mit dem Dirigenten Andrew Litton und zumal die Sängerinnen Ricarda Merbeth und Laura Aikin mehr als redlich verdient haben.

„Bombensicher ist diese Oper nicht“, lautet die treffende Einschätzung des Dichters, als er mit seinem Komponisten vor der Dresdner Uraufführung der „Helena“ um die Hauptdarstellerin rangelt. Die eine, begehrteste, ist zu teuer, die zweite eine „schauspielerische Nullität“, die dritte schöne Erscheinung mit schwacher Mittellage. Das heroische Ehedrama aus der Künstlerwerkstatt, die Hofmannsthal seit der „Elektra“ mit Strauss verbindet, ist Mühe und Arbeit, und im Briefwechsel heißt es: „jeder kleinste Strich Gewinn.“ Immer wieder hat Hofmannsthal den Musiker ins Land der Griechen dirigiert, und nun geht es ihm um den langgehegten Einfall, die Rückkehr der Helena von Troja darzustellen. „Machen wir mythologische Opern, es ist die wahrste aller Formen.“ Der robuste Theaterpraktiker Strauss weiß um die Kapriolen der Handlung dieser „gefährlichen Helena“. Bei einem Besuch Fritz Buschs in Garmisch indes schmunzelt er zu einer melodischen Trivialität: „Das braucht’s halt für die Dienstmädchen.“

Wie auch immer die Zielgruppe bestellt sein sollte, die Münchner Erstaufführung 1928 unter Knappertsbusch verzeichnet eine Merkwürdigkeit, die die heutigen Übertitel vorwegnimmt: Das Haus war matt erhellt, damit das Publikum sich im Textbuch über das Bühnengeschehen orientieren konnte.

Das Ganze ist ein Heimkehrerstück, eines der kompliziertesten. Menelas aus Sparta ist entschlossen, seine Helena auf der Heimfahrt zu töten, weil sie dem Paris in Liebe nach Troja gefolgt ist. Aber halt! Die Gattin sei gar nicht fremdgegangen, sagt Euripides, sondern Paris habe nur ein Phantom, ein Trugbild der Helena entführt, die wirkliche Helena habe die Kriegszeit in Ägypten keusch verlebt.

Unbegreiflich wie die Mär, der Trojanische Krieg sei von einem wunderschönen Weib ausgelöst worden, ist dessen Doppelexistenz. Daher kredenzt in der Oper Aithra, eine ägyptische Zauberin, dem Menelas einen Vergessens trank, der ihm die Unberührtheit der Helena suggeriert. In der „zweiten Brautnacht“ schimmern „Knabenblicke aus Heldenaugen“. Aber es bleibt eine Versöhnung zum Schein. Helena will die Wahrheit, ergreift einen Erinnerungstrank, um von Menelas auf Tod und Leben erkannt zu werden. Szenen einer Ehe. Er tötet sie nicht.

Man hat es also mit gehäufter Symbolik, Bildungsgut und verteufelten Zaubersäften zu tun. Das Problem für Regie und Darsteller besteht zudem darin, dass keine der Figuren uns wirklich interessiert, angeht, Identifikation zulässt. Rätsel Hofmannsthal: der junge Poet, dann der Librettist, von der literarischen Welt vernachlässigt, der den genialen „Rosenkavalier“ hervorbringt, um schließlich in mattem Ästhetizismus zu versinken.

Regisseur Marelli, sein eigener Ausstatter, denkt in Bildern: der Trojanische Krieg als stumme Szene, dann im verschleierten Hintergrund ein Minarett, das in der künstlichen Brautkammer der Zaubernacht Kopf steht zwischen schrägen Möbeln. Drehbühne, orientalisches Edelbordell, Pastellfarben, Palmen, Wüstenjagd per Video, Poseidon als Kapitän. Für die überflüssigen Nebenrollen von Scheichs und Wüstenfüchsen wie des Kindes Hermione kann Marelli nichts, und das Werk sträubt sich kaum gegen Bühnenkitsch. Siehe: Dienstmädchen.

Daher darf sich auch die Titelheldin vom Zwanzigerjahrelook in eine glitzernde Märchenprinzessin verändern. Wenn aber nackte, weiße Männerbeine mühsam dem Liebeslager entsteigen, während der Dialog sich dazu auf dem Kothurn höherer Lyrik bewegt, dann ist dem Regisseur ein Fehler passiert.

Ricarda Merbeth als Helena verausgabt sich in grandiosen Kantilenen, ein Wunder an Kraft, eine überraschend schlagkräftige Schwester ihrer Bayreuther Elisabeth. Laura Aikin als Aithra, umgeben von Jacquelyn Wagner und Stephanie Weiss als Dienerinnen bilden mit ihr das von Strauss so geliebte Ensemble hoher Frauenstimmen. In der Partie einer sprechenden Muschel hält Ewa Wolak ihren wolligen Alt dagegen. Robert Chafin als Menelas mit intensivem Einsatz, aber stimmlich nicht ganz ohne Anstrengung, und in kleinen Rollen Morten Frank Larsen und Burkhard Ulrich vertreten die Männerwelt. Andrew Litton gelingt das Kunststück, die permanente Hochexpressivität der Musik, die schäumender Nachhall ist, mit Diskretion zu verwalten.

Ein neuer Stein im Raritätenmosaik des Repertoires. Für Strauss-Freunde zum Kennenlernen. Dass es dem Haus in seiner klammen finanziellen Situation aufhelfen könnte, ist kaum zu glauben. Der Mut ist müde geworden, sowohl an der Bismarckstraße als auch im vorletzten Opus aus der Werkstatt Hofmannsthal/Strauss.

Weitere Vorstellungen am 22. und 30. Januar sowie am 3. und 14. Februar

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