Oper : Zärtlichkeit im Zaubergarten

Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle mit „Parsifal“ in Salzburg.

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Da wäre jeder betrübt: Johan Botha (links) als Parsifal mit dem Speer und Stephen Milling als Gurnemanz.
Da wäre jeder betrübt: Johan Botha (links) als Parsifal mit dem Speer und Stephen Milling als Gurnemanz.Foto: dpa

Die Vorfreude war groß: Die Berliner Philharmoniker, für die Herbert von Karajan 1967 die Osterfestspiele in seiner Geburtsstadt gründete, hatten sich zwar nach 46 Jahren aus Salzburg verabschiedet. Doch im Nu war mit Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle ein Ersatz gefunden, der Kontinuität versprach, nicht nur weil Dresden und Salzburg eine Städtepartnerschaft verbindet oder weil Thielemann einst bei der Salzburger Parsifal-Produktion 1981 Herbert von Karajan assistierte hatte.

Jetzt hat sich gezeigt: Das Orchester enttäuschte die hohen Salzburger Erwartungen nirgendwo. Nicht nur einzelne markante Stellen kristallisieren sich effektvoll heraus, die dynamische Spannung lässt unter Thielemann in Wagners elendslangem Weihefestspiel nie nach. Der Mittelakt in Klingsors Zaubergarten wird sogar recht zügig, doch am meisten verblüffen die zärtlichen, ja geheimnisvoll leisen Töne, zumal Thielemann die teuflische Akustik des riesengroßen Festspielhauses souverän im Griff hat. Die Sänger, niemals zugedeckt, erscheinen liebevoll begleitet und lassen keine Wünsche offen. Michaela Schuster wechselt souverän die Stimmlagen, Johan Botha ist konventionell als Wagnertenor, Stephan Milling ein wortdeutlicher warmer Gurnemanz, Wolfgang Koch überzeugt in der Doppelrolle des leidenden Gralskönigs Amfortas und des bösen Zauberers Klingsor: zwei Seiten einer Medaille.

Als Karajan 1981 „Parsifal“ nicht nur dirigierte, sondern auch inszenierte, hatte man sich über die autoritäre Geste mokiert, mit der er sich nach dem ersten Akt des Weihespiels jeden Applaus verbat. Nach über dreißig Jahren hat sich daran nichts geändert. Ein paar müde Klatscher werden sofort von den Salzburger Wagnerianern weggezischt. Doch verdient die verrätselnde Inszenierung des Gelsenkirchener Intendanten Michael Schulz überhaupt Beifall? Der Ausstatter Alexander Polzin hat drei Räume installiert: die Gralsburg ist ein Wald von großen Plexiglasröhren, in denen Nebel aufsteigt, Klingsors Zauberschloss ein Museum voller Terrakotta-Statuen, die sich an der Decke spiegeln und der Karfreitagszauber findet wohl auf einer Eisscholle, bewacht von Kojoten, statt. Während Amfortas und Klingsor zu einer Figur verschmelzen, wird Klingsor selbst durch einen kleinwüchsigen Darsteller verdoppelt und Parsifal immer wieder mit einem Gefolge von jungen Knaben, weiteren jungen Parsifals also, umgeben.

Überhaupt beschäftigt die Choreographin Annett Göhre viel zusätzliches Personal: Den todkranken Amfortas umtänzeln zwei tätowierte nackte Nymphen, ein Christusdarsteller kreuzt immer wieder mit Dornenkrone die Bühne. Auch Christus gibt es zweimal. Kundry verliebt sich in einen von ihnen leidenschaftlich, und posiert mit ihm schließlich als Maria Magdalena. Doch keine Erlösung dem Erlöser! Im Schlussbild starren die Figuren traurig in die Ferne. Nach langem Willkommensjubel für Thielemann und sein Orchester ließ das Premierenpublikum dem Regieteam recht lautstark seinen Ärger spüren. Bernhard Doppler

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