Kultur : Operette: Importware

Frederik Hanssen

Als Jacques Offenbach 1855 die "Bouffes-Parisiens" eröffnete, bekam er keinen Pfennig Subvention. In Sachen Oper herrschte damals eine Art Staatsmonopolkapitalismus in Frankreich: Zuwendungen kassierten die zwei Musiktheatertanker der Hauptstadt - und nur ihnen war per Gesetz das Privileg vorbehalten, Opern zu spielen. Also solche galten Werke ab vier singenden Darstellern. Also komponierte Offenbach eine Drei-Personen-Operette nach der anderen - und musste wegen des Erfolgs bald sein Haus vergrößern. Mit seinen frechen Musikkomödien hatte er den Nerv der Zeit getroffen: das war es, was die Leute hören wollten.

Seit der Berliner Senat die Leichte Muse auf Kurzarbeit Null gesetzt hat, suchen private Theaterveranstalter wieder nach dem Offenbach-Rezept, nach der massentauglichen Operettenformel. Otfried Laur vom "Berliner Theater Club" glaubt sie in der Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" gefunden zu haben. Damals trug frau Rüschen am Kleid und bei Champagnertrinken spreizte man den kleinen Finger ab.

Konserviert hat sich dieser Stil, dem zweifelhaften Geschmack sozialistischer Führungseliten sei dank, bis heute östlich der Oder. Das trifft sich gut, denn wer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dort Theater spielt, ist in Gagenfragen anspruchslos. Darum muss die amüsierfreudige Kundschaft beim Gastspiel des Musiktheaters Lodz im Berliner Schiller-Theater auch weniger als die Hälfte dessen hinblättern, was Musicalbetreiber gewöhnlich verlangen - und wird trotzdem zielgruppengerecht bedient. Zbigniew Czeskis Inszenierung des "Zigeunerbaron" ist gewissermaßen die späte Rache am Metropol-Theater-Killer Peter Radunski: Von keinerlei Regietheater-Bazillus angekränkelt, wird hier Johann Strauß in seiner ganzen rückwärtsgewandten Pracht gefeiert. Wo die Tourneeproduktion aus Transportgründen Bühnenbild nur andeuten kann, dienen bunte Folklorekostüme als Blickfang. Musikdirektor Andrzej Knap trifft routiniert den Operettenton, das Ensemble schlägt sich wacker und hat bei der Premiere mit Andrzej Kalinin einen schneidigen Titelhelden zu bieten. Die größte Begeisterung aber kommt bei den feurig getanzten Balletteinlagen auf. Dass die Polen das Stück in gut verständlicher "deutscher Originalsprache" bietet, ist dabei im Service inbegriffen.

Operettenabende wie dieser brauchen in den Tat keine Subventionen - professionell produzierte Alltagsablenkungsmanöver für Nostalgiker haben ihre Nische im Freizeitmarkt. Und wer weiß, vielleicht mausert sich das Schiller-Theater im kulturell verwaisenden Charlottenburg ja sogar zum neuen Berliner Operettenzentrum. Das ganz auf Musicals und Operetten spezialisierte Teatry Muzycny Lodz hat weitere heitere Leckerbissen im Repertoire, und auch in Deutschland gibt es immerhin noch zwei Spezialhäuser der Leichten Muse, in Leipzig und in Dresden, die gegen ein geringes Reiseentgelt ihre Produktionen sicher gerne auch in der Bismarckstraße vorführen.

Wäre ein kleines Subventionstöpfchen für Operetten-Gastspiele wirklich zuviel verlangt, nachdem der Senat erst die 25 Metropol-Millionen und jüngst auch noch die 20 Millionen Mark vom Theater des Westens einkassiert hat? Warum soll nicht auch die Provinz einmal nach Berlin hineinstrahlen dürfen?

Zum Beispiel das von endlosen Finanz- und Führungsquerelen gebeutelte Theater aus Brandenburg / Havel: Seit Sonnabend lädt man dort zu einem höchst kurzweiligen Besuch "Im Weißen Rössl". Hans Hermann Krug lässt allerdings auch keinen der bewährten Lustspiel-Tricks aus, um das Publikum zu ködern. Die ganze Welt ist himmelblau, die Kühe leuchten lila, und der Regisseur trägt eine rosarote Brille: Turtelnde Schwulen-Pärchen, aufgescheucht herumflatternde Piccolos, knackige Ansichten in der Schwimmbadszene und Tanzeinlagen, die selige Erinnerungen an Revue-Filme der Fünfziger wecken - diese Show hat Tempo, und die Leute klatschen begeistert mit. Frank Matthias geht als Oberkellner Leopold runter wie Öl, wenn er seine resche Wirtin (Ines Rabsilber) charmiert, Klaus Uhlemann hat als kodderschnauziger Trikotagenfabrikant Gieseke die Pointen auf seiner Seite und Sebastian A. Bütow leiht Dr. Siedler das bezauberndste Bel-Ami-Lächeln der Rössl-Rezeptionsgeschichte. Und wenn dann noch Stargast Angelika Mann als Zenzi von der Post durch die Reihen fegt, ist im Saal kein Halten mehr. Reiseführer vermerken bei solchen Attraktionen: einen Umweg wert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar