Opernfestival Aix-en-Provence : Erbarmen mit Carmen

Rollenspiele zwischen Paartherapie und Genderwirren: Der aktuelle Jahrgang des Opernfestivals in Aix-en-Provence mit Mozart, Bizet und einer Uraufführung.

Regine Müller
Nahuel Di Pierro als Leporello (links) und Philippe Sly als Don Giovanni in Mozarts Oper.
Nahuel Di Pierro als Leporello (links) und Philippe Sly als Don Giovanni in Mozarts Oper.Foto: AFP

Das heiterste der sommerlichen Opernfestivals ist das in Aix-en-Provence. Die südfranzösische Leichtigkeit beherrscht nicht nur die Gassen der ockergelben Stadt. Sie lässt einen auch die strengen Personen- und Sicherheitskontrollen gelassen hinnehmen. Und sie findet sich auf den Bühnen des Festspielorts, wo innerhalb weniger Tage die Premieren dieser Saison – der vorletzten unter der Leitung von Bernard Foccroulle – präsentiert wurden.

Aix-en-Provence war noch nie ein Mekka radikaler Regie-Abenteuer. Auch in diesem Jahr dominiert mit Ausnahme von Dmitri Tcherniakovs furioser „Carmen“-Dekonstruktion das solide bis virtuose Handwerk. Das musikalische Niveau ist dabei durchweg exzellent. Allein die jungen, artistisch beweglichen Sänger-Ensembles lohnen die Reise.

Zum Auftakt wurde eine Uraufführung präsentiert, was in Aix Tradition hat. Dass Philippe Boesmans „Pinocchio“ ein internationaler Hit wird wie vor fünf Jahren George Benjamins „Written On Skin“, darf bezweifelt werden. Denn Boesmans nur bedingt kindertauglicher „Pinocchio“ hat Längen und bemüht angestrengt eine altertümlich anmutende Erziehungsmoral. Ausstatter Éric Soyer schafft mit durchgehender Schwarz-Weiß-Optik und schummriger Beleuchtung ein düsteres Ambiente.

Die Bildideen bleiben abstrakt

Die gute Fee tritt als turmhohe, gutherzige Wiedergängerin der Königin der Nacht auf (Marie-Eve Munger, höhensicher noch bei den aberwitzigen Koloraturen), ansonsten bleiben die Bildideen reduziert, ja abstrakt. Als dazuerfundene Figur tritt Stéphane Degout als Conférencier auf, Joël Pommerat, bewährter Libretto-Partner von Boesman, verantwortet wiederum auch die gediegene Regie.

Boesman unterfüttert seine depressive „Pinocchio“-Variante mit einer süffigen, über weite Strecken melodiösen und sängerfreundlichen Musik. Hier und da scheinen Erinnerungen an Debussy und Britten auf, sogar aus dem 18. Jahrhundert leiht Boesman sich Elemente arioser Präsentation. Das famose Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomarico spielt die unterhaltsame, eingängige Partitur klangschön, mit idiomatischer Intelligenz und sanft ironischen Überzeichnungen.

Zum Kernrepertoire von Aix zählten von Anfang an Mozarts Opern. Im Théâtre de l’Archevêché im Innenhof des gleichnamigen Palais gab es diesmal „Don Giovanni“ und bei der Premiere einen Special Effect der besonderen Art. Im ersten Akt knattert in geringer Höhe ein Hubschrauber mit Suchscheinwerfer über die Szene. Die Sänger integrieren das Fluggerät lässig in ihr Spiel, zumal der Hubschrauber in der von hoher Nervosität und Gewaltbereitschaft geprägten Aufführung durchaus auch als Regieeinfall durchgehen würde.

Don Giovanni strahlt fiebrige Erotik aus

Beiläufig inszeniert Jean-François Sivadier den Anfang, alle sind schon da, angetan mit heutiger Alltagskleidung, Don Giovanni steht in der Mitte der Bühne, schaut beschwörend ins Publikum und nimmt Mozarts Pulsschlag mit Dancefloor-Gestus auf. Philippe Sly ist ein sehr junger, artistisch beweglicher Titelheld, der eine fiebrige Erotik ausstrahlt und herumzappelt wie ein ADHS-Patient. Wie ein Schatten folgt ihm der deutlich aufgewertete Leporello, überhaupt sind bei Sivadier die Bediensteten äußerst präsent. Das Binnenverhältnis zwischen Aristokratie und Dienerschaft ist eins der unterschwelligen Themen dieser Inszenierung.

Am Schluss bleibt man etwas ratlos zurück, denn die rasant inszenierte Aktion auf der Bühne kippt in die Überaktion, und die zuletzt sich häufenden Verweise auf die christliche Ikonografie (Don Giovanni als Gekreuzigter) sind wenig kompatibel mit der schnoddrigen Heutigkeit zuvor. Jérémie Rhorer am Pult von Le Cercle de l’Harmonie entwickelt hohen Drive bei maximaler Delikatesse, das Sängerensemble ist exzellent, insbesondere Eleonora Buratto als ideale Donna Anna, Pavol Breslik als differenzierter Don Ottavio und Julie Fuchs als mit allen Wassern gewaschene, aber nie vulgäre Zerlina.

Präzise und pointenreich erzählt Jean Bellorini die Intrige

Im pittoresken Théâtre du Jeu de Paume folgte dann eine frühbarocke Rarität: Francesco Cavallis „Erismena“, historisch kritisch musiziert von der fabelhaften Cappella Mediterranea unter der elektrisierenden Leitung von Leonardo García Alarcón und exquisit besetzt mit einer jungen Sängerschar, darunter mit Jakub Józef Orlinski (Orimeno), Carlo Vistoli (Idraspe) und Tai Oney (Clerio Moro) allein drei großartige, individuell timbrierte und Breakdance-fähige Countertenöre. Die verzwickte Intrige erzählt Jean Bellorini präzise, pointenreich und wiederum sparsam ausgestattet, wobei man die vom Bühnenhimmel herabbaumelnden Glühbirnen bereits aus „Don Giovanni“ kennt. Eine Mode offenbar.

Die einzige riskante Regie-Idee, die noch dazu mit eisiger Konsequenz durchgespielt wird, liefert Dmitri Tcherniakov mit seiner antifolkloristischen „Carmen“. Eine genervte Gattin (Micaëla) bringt ihren ausgebrannten Gatten (Don José) in ein Therapiezentrum. Dort regiert eine Art Cheftherapeut (Pierre Grammont als alert sachliches Macron-Lookalike), der den müden Gatten zu einem Rollenspiel verdonnert. Die „Carmen“-Handlung wird nun mit und an ihm simuliert, um ihm wieder echte Gefühle zu entlocken. Natürlich entgleitet die Sache den Beteiligten und bald weiß niemand mehr, was echt ist und was gespielt.

Dieser extreme, geschickt inszenierte Verfremdungseffekt sorgt für Distanz – und für neue Nähe zum Stoff. Am Ende ist der Ehemann alias Don José zerstört, die Therapie gescheitert und die Therapie-Profis sind verzweifelt. Eine spannende Lesart, die von dem energetischen Pablo Heras-Casado am Pult des herausragenden Orchestre de Paris als von allen Konventionen befreite Lesart des Opern-Blockbusters beglaubigt wird. Stéphanie d’Oustrac ist eine irrlichternde, schlank singende Carmen, Michael Fabiano ein glühender Don José und Elsa Dreisig eine seraphisch blühende Micaëla ohne Landei-Makel. Ein großer, aus der gepflegten Luxusqualität des Festivals herausragender Abend.

Noch bis 22.7., Programminfos hier.

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