• Opernregie: "Wohin fliegen denn Ihre Träume, Herr und Frau Herrmann?" - Das Künstlerpaar im Interview

Kultur : Opernregie: "Wohin fliegen denn Ihre Träume, Herr und Frau Herrmann?" - Das Künstlerpaar im Interview

Die Herrmanns inszenieren Operette in Berlin! Wer

Karl-Ernst Und Ursel Herrmann werden seit ihrem Debüt als Opernregisseure 1982 in Brüssel weltweit für ihre sensiblen, bildmächtigen Deutungen vor allem der Werke Mozarts und des vorklassischen Repertoires geschätzt. Zuletzt brachten sie in Baden-Baden Mozarts "Idomeneo" als Koproduktion mit den Salzbuger Festspielen heraus. Karl-Ernst Herrmann, Jahrgang 1936, prägte zudem seit 1962 als einer der international bedeutendsten Bühnenbildner das Gesicht vieler bedeutender Inszenierungen von Peter Stein, Luc Bondy, Claus Peymann (zuletzt "Das Ende der Paarung" am Berliner Ensemble) und Klaus Michael Grüber. In Berlin haben die Herrmanns 1996 an der Staatsoper Unter den Linden Händels "Semele" in Szene

gesetzt. Ein weiteres Projekt, Rameaus "Platée", fiel der Zerschlagung des Alte-Musik-Pflege der Staatsoper zum Opfer. Auch dDie Pläne für eine Inszenierung von Paul Linckes "Frau Luna" in der Berliner Bar jeder Vernunft schienen zunächst zum Scheitern verurteilt, das privat betriebene, intime Etablissement lange keine Ko-Finanziers finden konnte. Seit gestern aber ist die erste Operettenproduktion des Künstlerpaares gesichert: Neben dem Berliner Senat engagieren sich die örtlichen Gaswerke Gasag als Sponsor für die Inszenierung, die im September herauskommen soll.





Die Herrmanns inszenieren Operette in Berlin! Wer kam denn auf die Idee?

KARL-ERNST HERRMANN: Ich hatte schon seit längerem vor, einmal Paul Linckes "Frau Luna" zu machen, aber nicht an irgendeinem Theater mit Guckkastenbühne. Da bot sich die Bar jeder Vernunft geradezu an.

Wird es denn eher eine Produktion mit singenden Schauspielern oder mit Sängern?

KARL-ERNST HERRMANN: Auf jeden Fall die Variante mit singenden Schauspielern. Allein der Raum des Spiegelzeltes macht uns andere Vorgaben für die Aufführung, als wenn wir in einem Haus wie dem Metropol-Theater inszeniert hätten. Aber gerade die ungewohnten Rahmenbedingungen reizen uns. In so einem beschränkten Raum muss man die Fantasie schon sehr anstrengen, muss nicht nur mit einem kleinen Orchester, sondern auch szenisch mit Minimalaufwand auskommen. Dafür hat man den großen Vorteil der extremen Nähe der Schauspieler zum Publikum. Im Spiegelzelt tanzen die Akteure den Zuschauern geradezu auf der Nase herum. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre. Und ich habe richtig habe Lust auf Miniaturlösungen: Ich werde eher drei Bastler brauchen, die mir explodierende Kaffeetassen bauen, als ein Heer von Bühnentechnikern.

Bisher haben Sie zumeist mit Dirigenten gearbeitet, die den Notentext sehr ernst nehmen. Diesmal zwingen Sie die Rahmenbedingungen geradezu zu Eingriffen. Und das bei einem Stück von dem die meisten Zuschauer genau wissen, wie sie es sehen wollen.

URSEL HERRMANN: Das glaube ich gar nicht mal. Das Spiegelzelt ist ja kein Stadttheater, wo das Publikum empört reagiert, wenn Operette gegen den Strich gebürstet wird.

KARL-ERNST HERRMANN: Der Versuch, Skandale mit Operetten zu machen, ist ja keineswegs neu. Schon Maurice Béjard hat vor 25 Jahren in Brüssel eine "Lustige Wirtwe" gemacht, die Mitten im ersten Wltkieg spielte. Aber ich weiß ich auch nicht, ob es wirklich witzig ist, so provokant mit einem Genre wie der Operette umzugehen.

URSEL HERRMANN: Auf eine politische Aktualisierung oder eine ganz konkrete Festlegung auf einen historischen Moment haben wir eigentlich keine Lust.

Dennoch ist gerade die 1899 uraufgeführte "Frau Luna" ein echtes Gründerzeitstück - und wir leben heute wieder in einer Gründerzeit. Da Parallelen zu ziehen, könnte doch sehr verlockend sein

URSEL HERRMANN: Das finde ich auch. Es gibt natürlich ein Grundthema im Stück, das in Gründerzeiten besonders aktuell ist: Die Sehnsucht, der Realität zu entfliehen, weil das eigene Leben unbefriedigend erscheint. Darum will Fritz Steppke zum Mond. Am liebsten träumt man sich eben dahin, wo noch niemand vor einem war.

Wie aber lässt sich dieser Traum von 1899 übersetzen? Wo liegt der Traumort 2000? In der virtuellen Realität? Wohin kann man heute mit einem Zauberballon fliegen?

URSEL HERRMANN: Ich glaube, nur in die Bar jeder Vernunft. Das ist ein moderner Traumort, den viele Leute aufsuchen, um ein paar Stunden ihren Alltag loszuwerden. Raus aus der Küchenrealität.

Also eine Berliner Küche wird es geben...

KARL-ERNST HERRMANN: Ich denke schon, Frau Luna ist nun mal die Berliner Operette schlechthtin. Obwohl sie um die Jahrhundertwende komponiert wurde, scheint es mir übrigens, als griffe Lincke schon weit voraus. Zeilen wie "Wenn der Erdenball zerplatzt, sind wir sowieso verratzt" atmen die Stimmung unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg. Das ist der Tanz auf dem Vulkan.

URSEL HERRMANN: Es ist dieses Gefühl: "Lebe jetzt! Nur nicht zuviel nachdenken!" Unbeding Spass haben wollen, das kommt uns Menschen des Jahres 2000 irgendwie bekannt vor.

KARL-ERNST HERRMANN: Andererseits sind die Leute auf Linckes Mond, also Prinz Sternschnuppe, Frau Luna und so weiter im Grunde auch Berliner. Es ist ja nicht so, dass Lincke ihnen eine eigene Mondmusike komponiert hätte. Da oben reden sie genauso wie untem am Alexanderplatz.

Was für eine Enttäuschung: Da fliegt man zum Mond und trifft die eigenen Landsleute!

URSEL HERRMANN: Ist das nicht immer so mit den Täumen, wenn sie sich realisieren? Es gibt doch nichts schecklicheres, weil sich dann herausstellt, dass es am Traumziel auch nicht viel anders ist als zuhause - schon allein deshalb, weil man sich selber nicht verändert hat. Das kann nur eine Enttäuschung werden.

Sie entwickeln ihre Inszenierungen stark aus der Atmosphäre, die Sie durch Ihre optische Gestaltung der Bühnenräume schaffen. Wie werden die Mondbewohner aussehen? Wie Lovaparadisten des 21. Jahrhunderts?

URSEL HERRMANN: Nur Mädels mit Plateausohlen zu zeigen, wäre mir zu platt. In unseren Inszenierungen versuchen wir stets, einen Bogen zu schlagen von der Entstehungszeit zum Heute - und darüber hinaus natürlich, sonst bleibt es flach. Ebensowenig wie man griechische Tragödien in hellenistischen Wallegewändern aufführen sollte, sollte man sie in moderner Alltagskleidung zeigen, denn in beiden Fällen behauptet man damit, dass sich ein Stück auf einen Zeitpunkt festlegen lässt. Das macht jede Geschichte klein. Was wir suchen, ist das Quäntchen Allgemeingültigkeit.

Bei der Operette darf alles ein bisschen gröber, drastischer sein als in der Oper. "Grob" ist aber sicher das einzige Adjektiv, dass noch keinem Kritiker zu Ihren Inszenierungen eingefallen ist.

KARL-ERNST HERRMANN: Ich weiss nicht, ob Operette wirklich grob sein darf. Komisch schon, mit Sprachwitz, auch mit Kalauern, mit Nonsense. Aber das müssen Kalauer vom Niveau Thomas Bernhards sein.

Werden Sie den Text bearbeiten lassen?

KARL-ERNST HERRMANN: Auf jeden Fall. Die Texte der Musiknummern können so bleiben wie sie sind, aber was dazwischen geredet wird, wirkt zum Teil schon ziemlich verstaubt. Das, was in den Mondszenen einmal poetisch gemeint war, ist so heute nicht mehr zu gebrauchen, weil wir einfach ein anderes Verhätlnis zum Mond haben. Noch suchen wir allerdings nach einem Bearbeiter, der nicht nur Sprachwitz hat, sondern auch Gespür für die Theatersituationen.

Und wie gehen Sie mit der Musik um?

URSEL HERRMANN: Die Musik an sich ist wunderbar, da reiht sich Hit an Hit. Selbst diejenigen, die mit "Frau Luna" nicht mehr aufgewachsen sind, werden garantiert ständig sagen: Mensch, das kenn ich doch! Mit Achim Kunsch, der das Stück musikalisch betreuen wird, haben wir festgestellt, was diese Schlager für eine Qualität haben, wenn man sie nur mal ernsthaft singt.

KARL-ERNST HERRMANN: Der Klang wird allerdings nicht der gewohnte sein: Wir werden nicht mehr als sechs Musiker haben, schon aus Platzgründen. Das da nicht soviel Briumborium möglich ist, wie man es von Schallplatten kennt, ist klar. Wir werden ein Saxofonquartett, vielleich Harmonium und Quetschkommode haben. Für mich sind dabei die Bearbeitungen, die Arnold Schönberg von Wiener Walzern für Streicher und Harmonium gemacht hat, Vorbilder. Da wird die Musik plötzlich ganz genau für den Punkt gebracht.

Wird sich denn das heimatlose traditionelle Operettenpublikum des geschlossenen Berliner Metropol-Theaters bei Ihrer "Frau Luna" aufgehoben fühlen?

KARL-ERNST HERRMANN: Wenn man ein Werk inszeniert, dass die Leute zu kennen glauben, stößt man immer einen Teil des Publikums vor den Kopf, egal wie man es macht. Als wir in Wien Mozarts "Entführung aus dem Serail" inszeniert haben, reichte es schon aus, dass wird fast die kompletten Dialoge sprechen ließen, damit die Kritik über uns herfiel. Bei jeder Tradition muss man sich fragen, in wieweit sie wirklich tragfähig ist, auch bei der Operette.

URSEL HERRMANN: Uns geht es aber nicht darum, irgend jemanden bewusst zu schockieren. Ich weiss auch nicht, ob Frank Castorf, dessen Ästehtik vielleicht den Gegenpol zu unserer bildet, sich Gedanken darüber macht, wie er die Leute provozieren kann. Abgesehen davon, dass ich den Eindruck habe, die jüngere Hälfte des Operettenpublikum ist schon längst zum Musical übergelaufen, sind uns natürlich alle Zuschauer willkommen. Beim legendären "Weissen Rössl" der Geschwister Pfister schien es mir allerdings, dass vor allem die Bar-jeder-Vernunft-Stammkundschaft zusammenkam. Die werden vermutlich auch zu uns kommem. Aber wir denken bei unseren Inszenierungen nie an ein spezielles Publikum. Wir haben immer das gemacht, was wir vor uns selber vertreten konnten.

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