Orchesterabwicklung in Baden-Württemberg : Super Minus

Wir können alles außer Hochkultur? Wie der SWR in vorauseilendem Gehorsam seine Orchester zerstört.

Matthias Deutschmann

Die Ministerpräsidenten der Länder kommen am 13. März in Berlin zusammen, um über eine ungewöhnliche Geldanschwemmung zu beraten. Die Umstellung der Rundfunkgebühren bringt 1,2 Milliarden Euro mehr ein, als die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs den Intendanten zugestanden hat. Allein für den Südwestrundfunk geht es um ein Plus von 170 Millionen Euro. Peter Boudgoust, dem Intendanten des SWR, bereitet das Probleme, denn er hatte 2011 ein Finanzloch von 166 Millionen prognostiziert. Dieses selbsterdachte Loch nahm er zum Anlass, seiner Anstalt einen seltsamen Sparkurs zu verordnen.

Der Hörfunksender SWR3, längst so etwas wie ein Privatsender mit öffentlich-rechtlicher Schutzhülle, kam mit einem Prozent davon, seinen Orchestern, dem Radio Sinfonieorchester Stuttgart und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, verpasste der Intendant eine giftige Sparquote von 25 Prozent. Um die zu erreichen, sollten beide zum „Super Plus Orchester“ werden: geschickt als schwäbisch-badische Fusion verkauft, aber doch nichts anderes, als eine Aufstockung der Stuttgarter Radiosinfoniker durch das aufgelöste SWR Sinfonieorchester.

"Weiteres Prüfen hilft nicht weiter", so der Intendant

Es hagelte Proteste – und bei Boudgoust flossen Krokodilstränen: „Ich verstehe die Bitte, die Fusion zu überdenken, aber der Rundfunkrat hat sich hinter unsere Entscheidung gestellt.“ Was für ein Schmierentheater! Im Juni 2012 hatte der Rundfunkrat, zum größten Teil eine kulturpolitisch blinde Runde von Spesenrittern mit Streuselkuchen im Kopf, die destruktiven Pläne des Intendanten brav abgenickt, und nun verschanzt sich der Herr hinter seinen Hofschranzen. So beerdigt man auf der Basis falscher Zahlen ein Orchester von Weltrang.

Inzwischen hat der Wissenschaftsausschuss des Stuttgarter Landtags den SWR aufgefordert, Möglichkeiten für den Erhalt des Orchesters zu prüfen. Boudgoust antwortete innerhalb weniger Stunden: „Weiteres Prüfen hilft nicht weiter." Boudgoust gibt sich den Anschein, er habe alles getan, um zusammen mit „allen denkbaren Dritten“ die Fusion abzuwenden. Dass dem Intendanten dabei die Landesregierung nicht eingefallen ist, spricht nicht für sein Denkvermögen. In Bayern hätte er sich erkundigen können, wie man Orchester rettet. Die Bamberger Symphoniker wurden 2003 zur Bayerischen Staatsphilharmonie; seither werden sie durch Zuwendungen des Freistaats Bayern, des Landkreises Bamberg und des Bezirks Oberfranken finanziert.

Das SWR Sinfonie Orchester ist seit seiner Gründung 1946 ein Botschafter der Kulturnation Deutschland. Man stelle sich vor: Zu einer Zeit, als in Nürnberg Nazi-Kriegsverbrecher aufgehängt wurden, spielte man in Baden-Baden auf Betreiben Frankreichs schon wieder Strawinsky. Dieses Orchester steht für die Rekultivierung Deutschlands.

Es ist beschämend, wie die SWR-Mitarbeiter zur Zerstörung eines international bedeutsamen Orchesters schweigen müssen

Peter Boudgoust beruft sich bei seinem Zerstörungswerk auf die Unabhängigkeit des Rundfunks. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Am 29. Juni 2012, als der Rundfunkrat über die Fusion beriet, gab Verwaltungsdirektor Viktor von Oertzen eine kleine Entscheidungshilfe: „Der Vorsitzende der Rundfunkkommission, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz“, so der Protokollant, „habe noch im Januar gefordert, die Zahl der Rundfunkorchester zu reduzieren. Reagiere der SWR auf solche Aussagen nicht, sehe die Politik wohl keinen Anlass, den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.“ Im Klartext: Löst das SWR Sinfonieorchester auf, dann gibt es mehr Geld für Katzenberger & Co.

Der Impuls zur Abwicklung des SWR Sinfonieorchesters kam also aus Rheinland-Pfalz, und zwar vom damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck, der seinerzeit den Vorsitz in der Rundfunkkommission innehatte. Boudgoust exekutiert das, was der Politiker Beck verlangte. Es ist beschämend, wie die Mitarbeiter des SWR die Zerstörung eines Orchesters von internationaler Bedeutung beschweigen müssen. Dem Chefdirigenten Francois Xavier Roth hat Boudgoust vertraglich untersagt, mit einem Button für den Erhalt seines Orchesters zu werben. Roth unterschrieb, weil er sein Orchester nicht alleinlassen wollte. Winfried Kretschmann, der kreuzgute, konservative Landesvater, der so wunderbar bedächtig reden kann, schweigt. Herr Ministerpräsident Kretschmann, es isch noch nix geschwätzt. Und sagen Sie bitte nicht: Wir können alles außer Hochkultur.

Der Autor wurde als der Kabarettist mit dem Cello bekannt. Er lebt in Freiburg. Sein aktuelles Programm heißt „Solo 2014“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben