Oscar-Kandidat "La La Land" : Schwerelos am Sternenhimmel

Tanze mit mir in den Morgen: Ryan Gosling und Emma Stone beschwören in „La La Land“ die goldene Ära des Hollywood-Musicals.

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Damien Chazelles fulminante Eröffungsnummer "Traffic".
Damien Chazelles fulminante Eröffungsnummer "Traffic".Foto: Studiocanal

Hand aufs Herz: Das ewige Manko der Wirklichkeit ist, dass in den entscheidenden Momenten des Lebens keine Musik erklingt. Genau deswegen kann die Realität niemals gegen den Zauber des Kinos bestehen. Das in der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm geborene Filmmusical wiederum ist das Genre, das sich den Gefühlsverstärker und das Erzählmittel Musik am entschlossensten zu eigen macht.

„Singing-and-Dancing-Storytelling“ ist das Versprechen der Erfüllung aller Illusionen. Darum hassen es Realisten so sehr, wie es Romantiker lieben – selbst wenn es von den ornamentalen 30erJahre-Musicalparaden eines Busby Berkeley bis zu Stanley Donens frechen Musikkomödien der 40er und 50er Jahre schon einen deutlichen Zuwachs an Naturalismus gibt. Das Musical gilt als manieriert, um nicht zu sagen antiquiert, auch wenn „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964), „Cabaret“ (1972), „Fame“ (1980) oder Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“ (2001), um nur ein paar hinreißende Beispiele zu nennen, Letzteres gerade nicht sind. Sondern im Gegenteil stilprägend für visuelles Erzählen in ihrem Jahrzehnt.

Selbstbewusst und selbstverständlich inszeniert

Eines Tages wird man das auch über „La La Land“ sagen. Das Filmmusical ist schon jetzt – noch vor der Oscar-Verleihung am 26. Februar – mit sieben Golden Globes, einem Darstellerpreis in Venedig und zahlreichen Kritiker- und Publikumspreisen ein Triumph für Hollywoods neuen Regiestar, den 31 Jahre alten Damien Chazelle. Schon der zweite Film des Harvard-Absolventen, das psychologisch dichte, atemberaubend geschnittene Jazzmusikerdrama „Whiplash“, hat 2015 drei Oscars für Schnitt, Ton und den Nebendarsteller J. K. Simmons gewonnen. Der sardonische Big-Band-Leader aus „Whiplash“ ist, offensichtlich als kleiner Gag am Rande, auch in „La La Land“ wieder dabei. Hier spielt er ebenfalls eine Autoritätsperson, den Antipoden zum freien, nur Inspiration und Intuition gehorchendem Künstlertum. Und zwar in der Rolle eines Barbesitzers, der den für Standards und Weihnachtschlager engagierten Pianisten Sebastian (Ryan Gosling) wegen unerlaubten Improvisierens auf die Straße setzt.

Überhaupt die Straße, der Freeway. Das ist der Ort, wo in Los Angeles, der „City of Stars“, alles beginnt. Und zwar genau dann, wenn nichts läuft und die halbe Stadt im Stau steht. Hier verortet Chazelle die fünfminütige Ouvertüre seiner Tragikomödie, die – Ehrensache – auf Film, in Cinemascope und angetäuschtem Technicolor gedreht ist. Aus einsamen Autofahrern, die sich im Stau langweilen, werden Sängerinnen, Tänzer und Musiker, aus dem im Hintergrund laufenden Radio-Klangteppich schälen sich Gesangsmotive heraus. Alles eingefangen mit einer fließenden, fliegenden Kamera (Linus Sandgren), die aus fast ungeschnittenen Steadicam- und Kranfahrten besteht.

Von Beginn an ist das so selbstbewusst und selbstverständlich inszeniert, wie sich das für eine Hommage an das hier geborene Musical gehört. Nichts wirkt affig, befremdlich oder oll, höchstens der Kassettenrekorder, mit dem der Retrotyp Sebastian quietschend spult. „La La Land“ ist sowohl ein Synonym für Los Angeles wie auch für den Glauben daran, dass unmögliche Dinge wahr werden können („believe in La-La-Land“). Ein Wolkenkuckucksheim also.

Genau dieser Wunderglaube ist es jedoch, der Mia (Emma Stone) und Sebastian, die sich beim Erstkontakt auf dem Freeway prompt durchs Autofenster anzicken, abhanden zu kommen droht. Sie stapft als Schauspielerin seit sechs Jahren erfolglos von einem nervigen Vorsprechen zum nächsten und jobbt im Coffeeshop auf dem Studiogelände von Warner Brothers. Er sieht sich als Retter des wahren, nämlich traditionellen Jazz, träumt von einem eigenen Club und muss sich derweil in Party-und Popbands als Keyboard-Knecht verdingen. Sie sind zwei – Gott sei Dank! – gutaussehende Loser, die einander Halt und Ansporn geben, was den Film zur romantischen Komödie wie auch zum Künstlerdrama macht. Wie schon in „Whiplash“ geht es auch hier um den Preis, den der Musiker, den die Schauspielerin für die Karriere, für die Erfüllung der Träume zahlt. Und da ist es nicht notwendigerweise die Liebe, die gewinnt.

Das hat in einer ähnlichen Konstellation auch mal Martin Scorsese in „New York New York“ mit Liza Minnelli und Robert De Niro in den Hauptrollen erzählt. Dieser bewegende Musikfilm kommt einem beim Anschauen von „La La Land“ dauernd in den Sinn. Allerdings hat Scorsese brav linear erzählt, Chazelle hingegen hat ein paar raffinierte Was-wärewenn-Kreisschlüsse drauf, die sehr zur erzählerischen Eleganz und dem perfekten Timing von „La La Land“ beitragen.

Perfekt sind Ryan Gosling als Lakoniker Sebastian und Emma Stone als scheinwerferäugige Mia übrigens ganz und gar nicht. Sicher hat Gosling, der sich auch in Nahaufnahmen nicht doubeln lässt, in drei Monaten Crashkurs staunenswert gut Klavierspielen gelernt, aber trotzdem singen und tanzen die beiden nur so lala durchs La La Land. Kein Vergleich mit Heldinnen wie Ginger Rogers und Helden wie Fred Astaire und Gene Kelly. Chazelle zeigt „normale“ Menschen, keine Filmstars. Und dass, obwohl nostalgische Zitate von „Ein Amerikaner in Paris“ über „Heut’ gehn wir bummeln“ bis zu „Casablanca“ und „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ alle naselang eingebaut sind.

Keine Ironie angesichts großer Träume

Und auch die Darstellung des Filmstudiogeländes, wo an jeder Ecke Stars oder pittoreske Sets herumstehen, entspricht ganz der zuletzt schon in „The Artist“ von Oscar-Gewinner Michel Hazanavicius oder „Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern betriebenen liebevollen Beschwörung alten Hollywood-Glanzes, die in politisch verwirrten Zeiten stets unter Eskapismus-Verdacht steht.

In „La La Land“ ist das, abgesehen vom doppeldeutigen Titel, noch nicht mal ironisch gemeint. Der Leichtigkeit und Melancholie des auch durch eine Gastrolle des Soulsängers John Legend veredelten Films, dessen Musik mit wenigen eingängigen Leitmotiven arbeitet, die in Reprisen weiterwirken (von Komponist John Hurwitz), tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Ironie schwächt nur, wenn es um die Kraft überlebensgroßer Träume geht.

Zwei Szenen sind für die Ewigkeit: Das Vorsprechen, in der die von zu vielen Enttäuschungen gelähmte Mia, umrahmt von perfekter Hell-Dunkel-Dramaturgie, plötzlich aufblühend die herzzerreißende Ballade „Audition“ singt. „Here's to the ones who dream/Foolish, as they may seem/ Here’s to the hearts that ache/Here’s to the mess we make.“

Und die schwerelose Einlage im Griffith Observatorium auf den Hügeln über Los Angeles. Da tanzen Mia und Sebastian durch das menschenleere Planetarium, bis sich erst ein Taschentuch, dann sie und schließlich er in die Lüfte erheben. Zwei Silhouetten, die durch die funkelnden Sterne walzern, durch die Milchstraße schweben. Kein Wort fällt, alles ist in Melodie und Bewegung gesagt. Auch wenn es nicht wahr sein sollte, das „La La Land“ ist wunderschön.

Ab Donnerstag in 16 Berliner Kinos. OmU: Delphi, Eiszeit, Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, International, Kulturbrauerei, Neues Off, Odeon. OV: Cinestar Sony-Center am Potsdamer Platz, Rollberg

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