Kultur : Oscar-Verleihung: Heute sind wir alle Sieger

Jan Schulz-Ojala

Die neueste Ausgabe des Fachblatts "Variety", erschienen am 18. März, hat die Sieger exklusiv. Nunja, genau genommen nur auf dem - gekauften - Titel und dem Anzeigenplatz. "Shrek", so kündet die bunte Frontseite, sei Gewinner in der Kategorie Animationsfilm - und im etwas Kleinergedruckten stehen die Namen von neun Preisen, nur der Oscar ist denn doch noch nicht dabei. Auch die norwegische Auslandsoscar-Hoffnung "Elling" hat ganzseitig und in Farbe vier anderweitige "Winner" vorzuweisen, und Mitfavorit "A Beautiful Mind" blockt zum Countdown gleich zwei Plätze: eine Seite neben der box of fame namens US-Charts, und hinten im Heft noch ein Foto - mit dem Vermerk "for your consideration".

Diskret tönt diese Bitte um Berücksichtigung, und meint doch laut: Wählt uns, ihr 5700 Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, verhelft unserem achtmal nominierten Film zum Triumph! Und: Entscheidet, ihr Schlafmützen, so ihr noch nicht entschieden habt, denn 24 Stunden nach Erscheinen dieser "Variety"-Ausgabe ist für eure Wahlzettel Abgabeschluss! Letzter Aufruf für "A Beautiful Mind"!

Schon recht, formal ist seit Dienstag die Schlacht geschlagen, deren Helden und Verlierer heute abend vor den Augen der Fernseh-Weltöffentlichkeit Tränen des Glücks oder des Neids vergießen werden. Zuvor aber hat sie getobt wie lange nicht, in Zeitungen, Magazinen und im Internet. Und vielleicht bebt sie auch noch ein bisschen nach. Weil das Rennen diesmal - "expect the unexpected", tönen die US-Zeitungen unisono - denkbar offen ist. Weil es am gern vorgezeigten Rande wohl um Ruhm gehen mag am Sonntag abend im neu erbauten, feinen Kodak Theater am Hollywood Boulevard, im kalten Kern der Sache aber allein um Geld: sehr viel Geld.

Gleich doppelt funktioniert der Oscar als Dollardruckmaschine. Erster Impuls sind die Nominierungen - so verdoppelte etwa der im Kino längst abgespielte "Moulin Rouge" sofort seine DVD-Umsätze. Und der Top-Erfolg bei den Oscars selbst zieht auch müde gewordene Titel wieder hoch. Im Schnitt legten die Oscar-Sieger der letzten Jahre über 20 Millionen Dollar im Kino zu, und mit den Video- und DVD-Zusatzerlösen kommt man locker auf 100 Millionen.

Derlei Schnäppchen machen jeden nervös, und unsichere Ausgangspositionen im Kampf darum erst recht. So ist es zu erklären, dass etwa die Twentieth Century Fox sich schon früh Kritik dafür einfing, sie werbe in Anzeigen arg aggressiv für ihren Kandidaten "Moulin Rouge". Besonders schlimm traf es zuletzt "A Beautiful Mind": In einer von der Klatschpresse breitgeschriebenen Schmähkampagne hieß es, der Film verschweige gleich drei finstere Details aus der Biografie seiner Hauptfigur - der jahrelang schizophrene Mathematiker John Nash sei schließlich Antisemit, Homosexueller und Vater eines unehelichen Kindes.

Selbst dort, wo im Vorfeld nur politisch korrekter Druck aufs Oscar-Wahlvolk messbar wird - etwa bei der Fürsprache von Warren Beatty und Julia Roberts für ihre schwarzen Schauspiel-Kollegen Halle Berry und Denzel Washington - ist der Skandal post festum nicht ausgeschlossen: wenn nämlich Berry, Washington und mit Will Smith der dritte schwarze Hauptdarsteller leer ausgehen sollten. Viele Amerikaner werden dann den diesjährigen Ehrenoscar für Sidney Poitier, 1963 einziger schwarzer Oscar-Preisträger in der Hauptdarsteller-Kategorie (mit "Lilien auf dem Felde"), flugs als faules Alibi geißeln.

Dabei sah alles vor fünf Wochen noch so übersichtlich aus. "Der Herr der Ringe" mit seinen 13 Nominierungen wurde als klarer Favorit gehandelt, die dahinter rangierenden "A Beautiful Mind", "Moulin Rouge" und "Gosford Park" sollten sich schon mal auf hübsche Achtungserfolge freuen - und war da nicht auch noch der irgendwie bemerkenswerte "In the Bedroom"? Aber unterdessen erbrachte der traditionelle Vorab-Preissegen der Produzenten-, Regie-, Schauspiel- und Drehbuchgilden sowie der Kritikerverbände so gar kein einheitliches Bild mehr, und so ist in Hollywood allerseits die schlechte Laune ausgebrochen.

Zwecks Hebung der Stimmung erklärte die New York Times - sachte ironisch - soeben alle fünf Kandidaten zu Top-Favoriten. Machen wir es, ebenso zu Spaß, umgekehrt.

Der Herr der Ringe kann nicht gewinnen, weil das Fantasy-Genre noch nie gewonnen hat - da mögen die meistnominierten Filme in aller Regel noch so sicher vorne bleiben (legendäre Ausnahme: "Die Farbe Lila" 1985, elf Nominierungen und null Oscars). Auch schlecht: Der Film schwächelt bei den Schauspieler-Nominierungen, aber ein Viertel der Academy-Stimmberechtigten sind Schauspieler! Die Beute werden sich "Moulin Rouge" und "A Beautiful Mind" schon zu teilen wissen.

Aber auch Moulin Rouge kann nicht gewinnen. Die Academy, in ihrer großen Mehrheit Hort verdienter Hollywood-Veteranen mit Wohnsitz Südkalifornien, lässt lockere Musicals zugunsten magenbitterer Dramen gern links liegen, erst recht Musicals der französischen Art. Vielleicht setzen sie einen Trostpreis für die zuvor noch nie nominierte Nicole Kidman aus, aber was werden die taffen Fans von Halle Berry dazu sagen?

A Beautiful Mind ist völlig chancenlos. Der nicht sehr tief schürfende, aber tief bewegende Film um einen geistig derangierten Helden ist zwar eiskalt kalkulierte Oscar-Ware, aber solch grobe Fernsteuerungsversuche müssen doch ins Leere laufen! Und: Da gibt es zwar den schönen PR-Effekt durch frische Schauspiel-, Regie- und Drehbuchpreise - aber Russell Crowe, der gleich zwei Oscars hintereinanderweg und somit die Rekorde von Spencer Tracy und Tom Hanks einstellen will, hat den Schwung mit notorisch schlechter Laune gleich wieder kaputt gemacht.

Und Gosford Park? Hat zwar alles, was ein Oscar-Favorit braucht: tolle Regie, tolle Schauspieler, tolles Drehbuch, tolle Kostüme. Ist aber von Robert Altman. Der wurde als Regisseur zwar fünfmal nominiert, ist aber immer durchgefallen. Irgendwie zu kühl, der Mann, zu intellektuell.

Bleibt In the Bedroom von Todd Field. Der Film (Kinostart am 2. Mai) ist der fraglos beste des Quintetts, eine düstere Familiengeschichte um die schlimmste aller Katastrophen: ein Ehepaar erlebt, dass das eigene Kind ermordet wird. Der Vater tötet den Mörder. Es gibt eine Art Sühne, aber keinerlei Erlösung: gar nicht gut für die Oscars. Und wer, bitte, ist Todd Field?

Nun kann es aber weder fünf noch null Sieger geben - und so werden sich in der Nacht zum Montag wenige freuen, und viele werden noch einmal sehr böse sein. Hinzu kommt der Ärger, dass das Kodak Theater nur 3300 Gäste fasst und somit über 2000 Leute, die sonst bei der Zeremonie stets zugegen waren, leider draußen bleiben müssen - für sie in Sachen Frust wahrscheinlich ein früher Jahreshöhepunkt. Auch die aus Sicherheitsgründen gewaltigen Absperrungen - zum roten Teppich werden nur 400 handgecheckte Fans durchgelassen - passen ins allgemein misslaunige Bild. Merkwürdig: Die US-Filmindustrie, die doch letztes Jahr mit 8,4 Milliarden Dollar Umsatz eine neue Rekordmarke setzte, feiert mit zusammengebissenen Zähnen.

Und feiert deshalb lieber, auf zahllosen Parties dieser Tage, schon mal vor. Das Motto: Heute sind wir alle Sieger - mögliche. Gibt es ein schöneres Gefühl?

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