Ost-Berlin vor der Wende : Vom Stillstand vor dem Aufstand

Schlange stehen vor Telefonzellen gehörte zum Alltag in der DDR, auch im letzten Jahrzehnt vor der Wende. Der Fotograf Thomas Uhlemann entdeckte in dieser Periode den Umbruch erst ganz zuletzt, als er schon die Straße beherrschte.

Anne Grieger

Berlin - Ost-Berlin zu Beginn der 80er Jahre: Öffentliche Telefonzellen sind rar, private Anschlüsse ein Luxus. Die Hauptstadt der DDR verwandelt sich in dieser Zeit in eine Großbaustelle. In Hellersdorf und Marzahn schießen Plattenbauten aus dem Boden, in Mitte wird das Nikolaiviertel wieder aufgebaut. Der alte Friedrichstadt-Palast muss einem Neubau weichen, der mit viel Pomp eingeweiht wird und zum kulturellen Vorzeige-Projekt avanciert. Zum Repertoire der neuen Bühne in der Friedrichstraße gehören Tanzveranstaltungen, Varietétheater und Kabarett.

Der Bildjournalist Thomas Uhlemann hat all dies mit der Kamera eingefangen. In seinem ersten Bildband über Ost-Berlin der Jahre 1979-89 präsentiert der ehemalige Mitarbeiter der Fotoagentur Zentralbild unveröffentlichte Fotografien aus der Vorwende-Zeit. Auf 128 Seiten gewährt er einen Blick hinter die Kulissen, zeigt ein Spannungsfeld von Modernität und ländlicher Gemächlichkeit auf. Motive findet er im gesamten Ostteil Berlins. Nah am Geschehen, zugleich aber distanziert und mit einem Sinn für Skurriles dokumentiert Uhlemann den Alltag der realsozialistischen Republik im Zeichen von Hammer und Zirkel im Ährenkranz.

Bilder aus dem staatsoffiziellen Terminkalender

Jungpioniere mit ernsten Gesichtern und Halstuch, Kindergartenkinder vor dem Mittagsschlaf kollektiv auf der Toilette versammelt, Schulklassen, die am Tag der Befreiung am Sowjetischen Ehrenmahl im Treptower Park gefallener russischer Soldaten gedenken. Außerdem Betriebssportfeste und Paraden mit Politprominenz, auf denen militärische Stärke demonstriert wird. Zahlreiche Fotos zeigen Prominente wie den Schriftsteller Stefan Heym oder die junge Eiskunstläuferin Katarina Witt.

Das Jahr 1989 bedeutet nicht nur für Ost-Berlin einen Wendepunkt, sondern auch für das fotografische Werk Uhlemanns. Das "andere Berlin" nimmt Konturen an: zu den Porträtierten gehören fortan Bürger, die der SED-Diktatur kritisch gegenüberstehen. Beim Sturm der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße am 15. Januar 1990 - einem Ereignis, das streng genommen nicht mehr in das von Uhlemann erzählte Jahrzehnt fällt - fordern Demonstranten "Wasser und Brot" für die Parteielite. Ein Honecker-Porträt zeigt den Generalsekretär des Zentralkomitees der DDR in Sträflingskluft. "Wo ist meine Akte?", ist an der Wand der Stasi-Machtzentrale lesen.

Uhlemann betrachtet Ost-Berlin aus einem sehr persönlichen Blickwinkel. Der Ausschnitt, den er dem Leser zeigt, mutet aus westdeutscher Perspektive mitunter grotesk an und lässt erahnen, welche Werte das Leben in der sozialistischen Diktatur bestimmten. Massenveranstaltungen, kollektive Aktivitäten aller Art sowie der Erwartungsdruck, sich bereits im Kindergartenalter in einen vorgegebenen Rahmen einzufügen. Das wirft Fragen auf. Warum hat der Fotograf nicht schon vor der Wende ein Interesse an regimekritischen Kreisen entwickelt, wenn es sich bei den Aufnahmen um private Fotografien handelt? Wird hier eine gesellschaftliche Realität konstruiert, die latente Spannungen verschleiert? Produziert Uhlemanns fotografischer Blick "Bilder, die lügen"? Gleichwohl - betrachtenswert und lesenswert ist der vorgelegte Band allemal.

Thomas Uhlemann: Berlin-Ost. Das letzte Jahrzehnt. Sutton Verlag, Erfurt 2006. 128 Seiten, 19,90 Euro.

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