Ost-West-Ost-Geschichte : Spießervereinigung

Mit „Die Schönheit von Ost-Berlin“ zeigt das Deutsche Theater eine Collage nach Leben und Werk von Ronald M. Schernikau

von
Im Hintergrund die Mutter (Margit Bendokat), im Vordergrund das Ensemble von "Die Schönheit von Ost-Berlin" am Deutschen Theater.
Im Hintergrund die Mutter (Margit Bendokat), im Vordergrund das Ensemble von "Die Schönheit von Ost-Berlin" am Deutschen Theater.Foto: Arno Declair

Als einen „DDR-Bürger, der einen Westberliner spielt, der einen DDR-Bürger spielt“ hat sich Ronald M. Schernikau einmal bezeichnet. Lakonischer lässt sich die Lebensgeschichte dieses überall unangepassten und zu Unrecht viel zu unbekannten Autors, auf den Peter Hacks und Elfriede Jelinek gleichermaßen große Stücke hielten, nicht auf den Punkt bringen. Zumal am 25. Jahrestag des Mauerfalls.

Um eine grobe Ahnung von der Kompliziertheit dieser persönlichen Ost-West-Ost-Geschichte zu bekommen, muss man sich die Stationen hier zumindest im Stakkato vergegenwärtigen: 1966 – Schernikau ist sechs Jahre alt – flüchtet seine Mutter aus dem ostdeutschen Magdeburg mit ihm über die Grenze, im Kofferraum eines Autos. Die westdeutsche Provinz, wo er noch als Gymnasiast mit einer schwulen Coming-out-Geschichte seinen ersten literarischen Erfolg feiert, bleibt ihm genauso fremd wie er ihr.

Nach dem Abitur zieht Schernikau nach Westberlin, wird dort Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei (SEW), tritt als Transvestitin auf und beginnt nach immensen Zulassungsschwierigkeiten Mitte der achtziger Jahre schließlich ein Studium am Leipziger Literaturinstitut. Am 1. September 1989 – keine drei Monate vor dem Mauerfall – lässt sich Schernikau in die DDR einbürgern. Zwei Jahre später stirbt er in Berlin Hellersdorf an den Folgen von Aids.

Als immer Anders- (und oft Weiter-) denkender ist Ronald M. Schernikau natürlich eine Idealfigur, um die je eigenen Begrenzungen und Spießigkeiten beider Systeme en passant unters Mikroskop zu legen. Deshalb ist es eine großartige Idee des 34-jährigen Regisseurs Bastian Kraft, inmitten der Mauerfall-Jubiläums-Feierlichkeiten am Deutschen Theater unter dem Motto „Die Schönheit von Ost-Berlin“ ausgerechnet eine Schernikau-Collage herauszubringen.

Elias Arens, Thorsten Hierse, Bernd Moss und Wiebke Mollenhauer hocken als langhaarige Hornbrillen-Wiedergänger des Autors in den Kammerspielen auf einer Art Wohninsel (Bühne: Peter Baur). Zwischen Schreibpult und pinkfarbenem Marx-Kopf, zwischen Pin-up-Boys, Retro-Telefon und Fluchtauto-Heck kommen, relativ chronologisch, gleichermaßen literarische Texte wie entscheidende Biografiesplitter zu Gehör: Wer sich bei Schernikau (noch) nicht so gut auskennt, hat hinterher einen guten Überblick.

Reichliche hundert Minuten lang wechselt also Perücken-Trash wie der Krimi „Die Schönheit“, der nach Castorf-Manier als Live-Film auf eine Großleinwand gekalauert wird, mit studentischer WG-Küchen-Prosa: „Sabine, könntest du dir vorstellen, in der DDR zu leben?“ Bernd Moss spreizt sich mit sichtlichem Genuss als Peter Hacks, der dem großen literarischen Talent zur Übersiedlung in die DDR rät, während Wiebke Mollenhauer mit einer kleinen Aids-Aufklärungsstunde die Achtziger wiederauferstehen lässt und Thorsten Hierse den schüchtern in seinen breitbeinigen Schulkumpel Leif alias Elias Arens verliebten B. aus Schernikaus Coming-out-Erstling „Kleinstadtnovelle“ aufs Sofa liebäugelt.

Weil Regisseur Kraft dabei ästhetisch fast alles auffährt, was im Theater momentan en vogue ist, beschleichen einen Bedenken, Schernikau könnte unter dieser Formfülle ein bisschen wegrutschen: Unter diesem typisch semi-ironischen Gestus; unter dem Anekdotischen.

Andererseits gibt’s fürs Gegenteil ja Margit Bendokat – die auch konzeptionell durchaus so eingesetzt ist. Gewohnt klar, pathosfrei und gerade deswegen so berührend erzählt Bendokat die Geschichte von Schernikaus Mutter, die im Westen – in ganz anderen Denk- und Gefühlskategorien als ihr Sohn – auch nie heimisch wurde. Schernikau wäre zu Recht begeistert gewesen: Am Deutschen Theater, seiner Lieblingsbühne, gehörte Bendokat zu den von ihm ganz besonders verehrten Schauspielerinnen.

Nächste Vorstellungen am heutigen Sonntag sowie am 18. und 29.11.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben