Kultur : Paare im Labor

Sexklubs, Scheitern, Schießkurse: Christa Schmidt geht lange Wege zu ihren Romanen. Jetzt erscheint „Ich bin’s“. Ein Treffen.

Tatjana Kerschbaumer
Figurenforscherin. Christa Schmidt auf ihrem Balkon in Schöneberg. Foto: Thilo Rückeis
Figurenforscherin. Christa Schmidt auf ihrem Balkon in Schöneberg. Foto: Thilo Rückeis

Christa Schmidt schreibt nicht nur, sie forscht. Und wie das so ist in der Wissenschaft, gelangt man gelegentlich an einen toten Punkt. Genau das musste Schmidt erleben, nachdem sie elf Jahre lang an einem Text gearbeitet hatte, der ihr fünfter Roman hätte werden sollen. Doch nach elf Jahren stellte sie die Forschung daran vorerst ein, das Manuskript mit dem Titel „Bekannte Sünden“ hat sie beiseite gelegt. „Ich bin daran gescheitert“, sagt sie. Nicht bitter, eher überrascht – denn es war eine ganz neue Erfahrung für sie. Die Vorgängerromane „Rauhnächte“, „Eselsfest“ und „Jubeljahr“ waren ihr leichtgefallen. Alles umsonst also? „Nein“, sagt die 53-Jährige, denn zumindest ihr „Forschungsauftrag“ habe sich gelohnt: „Ich habe einige meiner Abgründe begehbar gemacht.“

Dass Anfang September dennoch das 160-Seiten-Bändchen „Ich bin’s“ (Hanani Verlag, 15,90 €) von Schmidt erschienen ist, liegt wohl an ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Unwillen, das Erforschen menschlicher Beziehungen wegen eines einzigen Rückschlags gleich ganz aufzugeben. Als es mit „Bekannte Sünden“ nicht recht vorwärts ging, erinnerte sie sich an eine Radio-Erzählung, die sie Anfang der Neunziger geschrieben hatte. Diese „Aufzeichnungen einer Wahnsinnigen“ bilden die Basis für „Ich bin’s“, der Geschichte des Fotografen Victor und der Künstlerin Annusch, die Schmidt in den letzten Jahren so konsequent weiterstrickte, bis das verstörende Psychogramm einer unmöglichen Beziehung herauskam.

Victor und Annusch. Das könnte passen: Beide sind ziemlich kaputt und neurotisch. Victor fotografiert tagsüber Herzschrittmacher und wandert nachts mit seiner Kamera über stillgelegte Industriegelände; Annusch malt neben Katzenporträts auch geköpfte Ex-Liebhaber.

Christa Schmidt beschreibt ihre männlichen Protagonisten mit Vorliebe als Menschen „in Laborsituationen“, die sich, ihr nicht ganz unähnlich, Forschung und Experimenten widmen. Das männliche Erkenntnisinteresse bezieht sich dabei allerdings meistens auf die Frau. Beziehungsweise auf deren vertrackte Psyche, die für Schmidts nicht gerade heroische Männer ein schier unlösbares Rätsel darstellt.

Schmidt sitzt am Glastisch ihrer Schöneberger Wohnung, die Küchenzeile mit Kochtopf und Olivenöl im Rücken. Sie überlegt lange, bevor sie spricht; kämpft nicht nur auf Papier, sondern auch im Gespräch mit Worten. Dann sagt sie: „Durch die Augen meiner Figuren wirkt die Geschichte manchmal ein paar Grad kühler. Oder wärmer.“

Bei Victor tippt man trotz aller aufbrandenden Panik auf „kühler“; der selbst ernannte „Adonis“ bekommt sein dauerzitterndes Knie nicht mehr unter Kontrolle und driftet langsam in eine Annusch-bedingte Paranoia ab. Von ihrem plötzlichen Verschwinden wird er völlig aus der Bahn geworfen – schließlich hat das Paar erst kurz zuvor einen gemeinsamen Mietvertrag unterzeichnet.

Männer, so ist es meist bei Schmidt, bewegen sich in einem sicheren, geregelten Koordinatensystem, in dessen Konstanten eine Frau lediglich eines bringt: Unruhe. Wenn die Frau – so wie Annusch in „Ich bin’s“ – zu allem Überfluss noch das Bild eines enthaupteten Liebhabers, eine Beretta und kein Lebenszeichen hinterlässt, ist es mit der vordergründigen, maskulinen Stoik endgültig vorbei.

Sogar Mord ist nicht ausgeschlossen. Zumindest auf den ersten Blick wirkt es so. „Ich bin’s“ soll laut Schmidt kein Krimi sein, obwohl das Buch viele Züge davon hat. Auch die Recherchen, die sie für „Ich bin’s“ anstellte, lassen eher einen Krimi denn einen Beziehungsroman vermuten. Ging sie für frühere Werke noch in einschlägigen Berliner Sexklubs ihren Studien nach, erforschte sie für „Ich bin’s“ die Themen Industriefotografie, Sportwagen und Pistolen. „Ich habe extra schießen gelernt“, sagt sie, und das, obwohl sie schon immer eine Abneigung gegenüber Waffen hatte. Für Victor und Annusch kam sie nicht darum herum und erinnert sich lachend an einen Ausflug in ein Schützenhotel, wo sie feststellen musste, dass sie kein Öl zur Pistolenpflege dabei hatte: „Sie müssen sich vorstellen, wie die Gäste an der Rezeption gekuckt haben, als ich dort nach Waffenöl gefragt habe.“

Schmidt, eine Frau mit langem, blondem Haar, sehr filigran, trinkt normalerweise Tee aus ebenso filigranen Tassen. Liest Kunstbände. Oder kümmert sich liebevoll um ihre beiden Katzen, Socke und Anton. Waffenöl passt da weniger ins Bild. Geschossen hat sie letztlich nicht mit der im Buch viel zitierten Beretta, sondern mit einer Smith & Wesson. Danach, sagt sie, habe sie die zweite Fassung von „Ich bin’s“ in nur vier Monaten geschrieben.

Ausprobieren, selber machen. Darin liegt so etwas wie Schmidts Berufsgeheimnis, deswegen fährt sie Fahrrad: „Eine Zeitlang bin ich nur mit dem Auto durch Berlin gefahren. Das war das Langweiligste überhaupt, da kriegt man gar nichts mit.“ Auf dem Fahrrad dagegen überfallen sie die Geschichten regelrecht: „Man wird in etwas verwickelt. Mir begegnet etwas, und ich schreibe es auf, um mir darüber klar zu werden.“ Berlin, das weiß die gebürtige Duisburgerin, bietet aber nicht nur den Stoff für ihre Erzählungen. Sondern auch die dazugehörigen Schauplätze, die sie dank ihrer ausgedehnten Radtouren so treffend beschreiben kann. Egal ob sie ins „Exil“ an den oberbayerischen Staffelsee oder in ein aufgegebenes griechisches Kloster flüchtete – in die Hauptstadt kommt sie immer wieder zurück. Nur hier scheint es genügend Raum zu geben, um Figuren wie Victor und Annusch anzusiedeln – und sie ihre Selbstzerstörung zelebrieren zu lassen.

„Den Schluss von ,Ich bin’s’ muss man wirklich dreimal lesen“, sagt Schmidt, und ja, in den letzten Kapiteln überschlagen sich die Ereignisse, der Leser weiß nicht mehr, wer gut und wer böse ist. Schmidt findet genau das spannend, das Changieren zwischen diesen Grenzen hat sie schon immer interessiert. Und bei aller Verwirrung ist ihr in „Ich bin’s“ ein starkes Ende gelungen. Man merkt Schmidt an, dass sie auch ein wenig stolz darauf ist. Ihre Forschungsprojekte: Sie sind damit noch lange nicht abgeschlossen.

Lesungen: 20. September, 20 Uhr, Buchhandlung Gralla, Hindenburgdamm 42.

21. Oktober, 20 Uhr, Literarischer Salon Britta Gansebohm, TAK-Theater Aufbau- Haus, Prinzenstr. 85F

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