Kultur : Pakistan: Krieg in den Augen

Uta Kornmeier,Moritz Schuller

Am Abend des 11. September gegen 19 Uhr sitzen zwei junge Berliner Künstlerinnen in Karachi entsetzt vor dem Fernseher. Tagsüber hatten sie noch auf den Straßen der pakistanischen Millionenstadt Fotos gemacht, die einen Blickwechsel der Kulturen provozieren und festhalten sollten. Was passiert, wenn zwei europäische Frauen in einer Kultur, in der Männer und Frauen kaum den gleichen öffentlichen Raum teilen, unverschleiert und im T-Shirt über einen Markt gehen und sich dabei auch noch ganz selbstbewusst fotografieren?

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Schon in Istanbul und in Accra, Ghana, hatten Christina Zück und Nada Sebestyén in den letzten zwei Jahren mit ihren organisierten Schnappschüssen die Grenzen von Kleider- und Kommunikationscodes gesucht. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich: "In Ghana haben die Leute eigentlich gar nicht reagiert, oder kaum," sagt Nada Sebestyén, "in Istanbul haben alle die Akteurin angeblickt, in Karachi war die Kamera die Hauptsache." Tatsächlich sieht man auf den Fotos die europäische Protagonistin oft umringt von neugierigen Männern, die lachend in die Kamera blicken. Nicht die "weiße Frau" ist die Sensation, sondern die Tatsache, dass sie sich in ihrer Mitte fotografieren lässt.

Auf Einladung des dortigen Goethe-Instituts und mit Unterstützung des Instituts für Auslandsbeziehungen waren die beiden Künstlerinnen dann vor zwei Wochen ins pakistanische Karachi gereist. Dort wurde das künstlerische Experiment überrascht vom New Yorker Terror. Überstürzt reisen die ersten Ausländer ab, schon werden die Flüge aus dem Land knapp, doch Zück und Sebestyén wollen noch einen Tag weitermachen. Sie gehen wieder auf die Straße, in westlicher Kleidung, fotografieren. "Am 13. sind wir in die Stadt gegangen, um zu sehen wie die Stimmung ist: Sie war unverändert." Von anti-amerikanischer Freude keine Spur. "Es gab niemanden, der gejubelt hat", sagt Zück. Auch dort, in einem Land, das nun in das Zentrum des Konflikts zu geraten droht, zeigten sich die Menschen bestürzt, auch sie fanden keine Erklärung für die Angriffe, konnten sich nicht mit den Attentätern identifizieren.

Was in Berlin als Foto-Serie geplant war, wird so plötzlich zu einer Konfrontation mit den eigenen Ängsten und dem eigenen Umgang mit dem Fremden. "Man wird auf die eigenen Vorurteile zurückgeworfen", sagt Nada. Blickwechsel mit der anderen Kultur hatten sie auch schon in Istanbul und Accra gesucht, doch in Pakistan steht dieses inter-kulturelle Projekt plötzlich unter dem bedrohlichen Vorzeichen eines "Clash of Civilisations", das gefährlich missverstanden werden könnte. Doch die beiden provozieren nicht durch ausgeprägt westliches Aussehen, der Rock, mit dem Christina Nada noch in den Straßen Accras fotografiert hatte, fehlt in Pakistan. "Das", sagt Nada, "würde die Grenze des Statthaften überschreiten. Dort kann man als Frau einfach kein Bein zeigen. Ich hätte mich das nicht getraut."

Der Weg ist ein anderer: "Wir wollen die Leute dadurch provozieren, dass wir so sind wie wir sind", sagt Christina. Auf den Märkten freuen sich die jungen und alten Männer in Jeans oder Shalwar Kameez - ihrem traditionellen Gewand -, mit Baseballkappe oder Mütze auf dem Kopf, mit dem Handy oder dem Zaumzeug eines Kamels in der Hand. Alle blicken neugierig und freundlich in die Kamera. Der exotische Besuch macht ihnen keine Angst, scheint sie auch nicht zu stören. Was sie anschauen, blickt zurück, der exotische Blick wird erwidert, es entsteht ein Blickwechsel, ein Kontakt.

"Ich hatte gedacht, dass die Leute abwehrend reagieren würden, vielleicht die Hand ablehnend heben würden", meint Nada. Von dieser Erwartung ließen sich die beiden jedoch nicht abschrecken: "Wir gehen in die Menge und sehen, was kommt. Ganz naiv, offen, wie ein Kind das neu Gesellschaft lernt." Deshalb haben sie auch auf die drei Mitarbeiter verzichtet, die das Goethe-Institut ihnen zum Schutz angeboten hatte. Dennoch wird mit dem 11. September, trotz der pro-westlichen Reaktion, die die beiden in Karachi erfahren haben, der Blickkontakt unterbrochen, vielleicht sogar abgebrochen. Am 14. September, drei Tage nach den Anschlägen, sind Zück und Sebestyén nach Berlin zurückgekehrt. Ob sie ihr Projekt wie geplant in Kairo fortsetzen können, hängt auch vom weiteren Verlauf des Konfliktes ab. Inzwischen ist auch das einzige Goethe-Institut in Pakistan verwaist.

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