Kultur : Palästinas Poet

Sinn für den Abgrund: Mahmud Darwish ist tot

Katrin Hillgruber

Seine poetische Landgründung Palästinas hatte die ausstehende reale längst überwunden: „Wir haben ein Land aus Worten.“ In dem Gedicht „Belagerungszustand“, das vor Jassir Arafats bedrohter Residenz in Ramallah entstand, forderte Mahmud Darwish, zeitweise Mitglied des Zentralrats der PLO, jedoch zur Skepsis auf: „Glaub nicht an das Gedicht, es ist die Tochter der Abwesenheit. / Es ist keine Intuition, kein Gedanke, / Sondern ein Sinn für den Abgrund.“

Mahmud Darwish kam 1941 in Galiläa als Bauernsohn zur Welt. Schon mit vierzehn geriet er nach einer Protestaktion in ein israelisches Gefängnis. In den sechziger Jahren arbeitete er als Chefredakteur der arabisch-kommunistischen Zeitung „Al-Ittihad“ in Haifa. 1970 verließ er Israel und kehrte über Kairo, Paris und Beirut nach Palästina zurück. Zuletzt lebte er zwischen Amman und Ramallah.

In Palästina war Darwish ein Volksheld, seine Gedichte sind bei den lyrik- und rezitationsbegeisterten Arabern buchstäblich in aller Munde. Dreißig Poesiebände wurden in ebenso viele Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschienen zuletzt „Belagerungszustand“ (2005) und „wo du warst und wo du bist“ (2004) in der Übersetzung von Adel Karasholi. Mit „Wir haben ein Land aus Worten“ (2002) stellte der Orientalist und Übersetzer Stefan Weidner dem hiesigen Publikum jenen „anderen“ Darwish hinter der politischen Symbolfigur vor. Bereits in seiner Anthologie „Die Farbe der Ferne“ hatte Weidner ihm viel Raum eingeräumt. Der Titel der Sammlung entstammt Darwishs Gedicht „Wir lieben das Leben“. Diese Zeile greift eine Koran-Formel auf. Darwish beschreibt das transitorische wie fatalistische Bewusstsein eines Volkes, das seit 1948 zwei Vertreibungen erlebt hat: „Wo immer wir uns niederlassen, säen wir schnellwüchsige Pflanzen, wo wir uns niederlassen, ernten wir einen Toten.“

Darwish betonte immer wieder seine geistige Autonomie und setzte sich für ein friedvolles Zusammenleben mit Israel ein. Er distanzierte sich zunehmend von politischen Ansprüchen, gerade durch die Kritik an Selbstmordattentaten. Sinn- und kunstreich kombinierte er orientalische Fantasie mit moderner Erzählhaltung. Die metaphorische Blütenfülle des Arabischen ragt aus jedem Riss innerhalb seiner brüchigen Gegenwarts- und resignativen Liebesgedichte hervor.

Gemeinsam mit dem israelischen Psychologie-Professor Dan Bar-On erhielt Mahmud Darwish 2003 den Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück. Am Sonnabend erlag Palästinas großer Poet im Alter von 67 Jahren den Folgen einer Herzoperation im texanischen Houston. Präsident Mahmud Abbas ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Katrin Hillgruber

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