Kultur : Papst Pius XII.: Der Teufel im Detail

Claudia Keller

Es gab nur wenige, die er nicht in seinen Bann zog. Papst Pius XII. war liebenswürdig, zuvorkommend und ein charmanter Gastgeber. Er nahm Anteil an seinen Besuchern. Der große, schlanke Mann faszinierte aber auch durch seine asketische, entrückte Ausstrahlung, mit der er für viele die Ideale des Papsttums verkörperte: Frömmigkeit, Hingabe, Gott gegebene höchste Autorität und Unfehlbarkeit im moralischen Urteil. Dieses Bild zersplitterte am 20. Februar 1963 in viele Einzelteile, die sich bis heute nicht wieder zusammensetzen lassen.

Rolf Hochhuths "Stellvertreter" feierte an diesem Tag in Berlin Uraufführung - und wurde zum Welterfolg. Hochhuth zeichnete Pius XII. als herzlosen, habsüchtigen Zyniker, der, während die römischen Juden deportiert werden, nur seine Finanzen im Kopf hat. Das Stück löste eine Art Glaubenskrieg aus über die Frage, ob und warum der Stellvertreter Gottes, der mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli hieß, der 1939 zum Papst gewählt wurde und 1958 starb, zur Judenvernichtung geschwiegen habe.

In jüngster Zeit kam neuer Zündstoff hinzu: Eine katholisch-jüdische Historikerkommission, die vor zwei Jahren vom Vatikan und von jüdischen Organisationen eingesetzt wurde, um eine Aktenedition zu Pius XII. zu überprüfen, hat im Juli ihre Arbeit ausgesetzt, weil ihr der Vatikan den Zugang zu den päpstlichen Geheimarchiven verweigert. Bisher sind lediglich Dokumente bis ins Jahr 1922 öffentlich zugänglich, da in der Regel erst siebzig Jahre nach dem Tod eines Papstes Akten seiner Amtszeit eingesehen werden dürfen. Eine Auswahl aus der Amtszeit Pius XII., aus den Jahren 1938 bis 1945, haben vier jesuitische Wissenschaftler im Auftrag des Vatikan allerdings bereits in den sechziger und siebziger Jahren veröffentlicht: die elfbändige Edition "Actes et documents du Saint Siège pendant la seconde guerre mondiale", deren Seriosität die unabhängige Historikerkommission überprüfen sollte. Aber nur, wenn sie Zutritt zu den Archiven bekommen, argumentieren die Historiker, könnten sie in Erfahrung bringen, was mit welchen Kriterien für die Edition ausgewählt wurde. Und nur so könne sich der Vatikan von dem Verdacht befreien, dass er bewusst belastende Unterlagen über Pacelli zurückhalte.

Neutralität für Humanität

Immer wieder haben Historiker eine Antwort zu finden gesucht, warum Pius XII. die Deportation und Ermordung der Juden nie mit klaren Worten verurteilte. Vermutlich wurden bereits alle Dokumente studiert, die sich in den zugänglichen staatlichen Archiven über die Beziehungen des Heiligen Stuhls zu Nazi-Europa finden lassen. Eine neutrale, von Spekulationen freie Studie gibt es nach wie vor nicht. Für die einen ist Pacelli bis heute der Hitler-Freund. Den anderen gilt er als mutiger Friedensstifter, der seine neutrale Diplomatenhaltung nicht durch flammende Proteste gegen das nationalsozialistische Deutschland gefährden wollte. Nur durch seine Neutralität, argumentiert der Berliner Historiker Michael F. Feldkamp in seinem gerade erschienenen Buch "Pius XII. und Deutschland", konnte Pacelli den Weg zur humanitären Hilfe offen halten.

Oft sind es die gleichen Quellen, die unterschiedlich kombiniert zu anderen Schlüssen führen. Ein Beispiel von vielen: Als der Berliner Erzbischof von Preysing 1943 in einem Brief zu bedenken gab, ob es nicht angebracht sei, mit der Schließung der Berliner Nuntiatur ein unmissverständliches Warnsignal gegen die Judenverfolgung zu setzen, lehnte Pacelli dies ab. "Weil er erkannte, dass der kurzfristige propagandistische Nutzen in keinem Verhältnis steht zu den vielfältigen Aufgaben, die die Nuntiatur als Nachrichtenzentrale für den Episkopat hatte, und es war ungewiss, ob ein Nachfolger wieder hätte akkreditiert werden können", schreibt Feldkamp. Er entschuldigt deshalb, dass Pius XII. in einer Ansprache am 2. Juni 1943 lediglich erneut die Einhaltung der Grundrechte forderte, wie er es schon in seiner Weihnachtsansprache 1942 getan hatte. "Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben waren." Pacellis Verteidiger weisen darauf hin, dass man sich von jüdischer Seite für diese Worte bedankte. Pius-Kritiker wie der englische Publizist John Cornwell hingegen zitieren die enttäuschten englischen und französischen Botschafter beim Vatikan, die sich fragten, warum der Papst auch diesmal weder den Begriff Nationalsozialisten noch das Wort Juden verwendete. Ausdrücklich weisen sie auf Mussolinis Kommentar hin: "Diese Rede ist voller Gemeinplätze und könnte genau so vom Priester von Predappio sein."

Die deutlichsten Worte, die der Vatikan jemals gegen die Politik der Nationalsozialisten äußerte, formulierte Pacellis Vorgänger Pius XI. in der Enzyklika "Mit brennender Sorge" am Palmsonntag 1937. Aber das Wort Antisemitismus kommt darin nicht vor; lediglich die Übergriffe auf die Kirche in Deutschland werden angeprangert. Eine weitere Enzyklika, die sich dezidiert gegen den Rassismus richten sollte und die ebenfalls Pius XI. in Auftrag gegeben hatte, wurde nie verlesen. Pius XI. starb vor ihrer Fertigstellung. Sein Nachfolger griff den Text nicht auf. Warum wurde die Enzyklika, die den Vatikan von dem Vorwurf des Antisemitismus befreit, nicht in angemessener Zeit vollendet und dem Papst übergeben? "Darauf wissen wir keine Antwort", sagt Cornwell. Weil er als Antrittsenzyklika ein unverfänglicheres Thema wählen musste, um seine neutrale Diplomatenhaltung nicht zu gefährden, vermutet Feldkamp.

Pacelli hat in der Tat diplomatische Wege beschritten, um den drohenden Krieg zu verhindern. Im April 1939 bot er Mussolini sogar an, eine internationale Konferenz einzuberufen, um die Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Polen beizulegen. Zudem war er, das bezweifeln auch seine Kritiker nicht, 1940 an einer Verschwörung gegen Hitler aus dem Umfeld des Generals der Abwehr, Canaris, beteiligt.

Die Gewissenskonflikte, in denen sich Pacelli womöglich befunden hat, werden an zwei Beispielen besonders deutlich. Das eine spielt in Holland. Dort hatte der Erzbischof von Utrecht 1942 einen Hirtenbrief mit einer klaren Verurteilung der Deportationen von allen Kanzeln verlesen lassen. Daraufhin deportierten die Deutschen auch die rund 4000 zum Katholizismus konvertierten Juden, darunter auch Edith Stein, die Karmeliterin und Philosophin jüdischer Herkunft, die schon 1933 Pacellis Vorgänger Pius XI. in einem Brief um eine öffentliche Verurteilung des Antisemitismus gebeten hatte. "Es bedarf übermenschlicher Anstrengungen, um den Heiligen Stuhl über den Streit der Parteien zu halten, und die schier unentwirrbare Verschmelzung von politischen und weltanschaulichen Strömungen, von Gewalt und Recht, so dass es oft schmerzvoll schwer ist, zu entscheiden, ob Zurückhaltung und vorsichtiges Schweigen oder offenes Reden und starkes Handeln geboten sind", schrieb Pacelli zwei Jahre später an den Kölner Erzbischof Josef Frings. Pacellis deutsche Haushälterin Pascalina Lehnert erinnerte sich an die Skrupel, die Pius XII. plagten. Ihr gegenüber soll er gesagt haben, "wenn der Brief der holländischen Bischöfe 4 000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200 000 kosten. Das darf und kann ich nicht verantworten."

Andererseits hatte der Münsteraner Bischof von Galen mehrmals die Euthanasiepolitik der Nazis scharf angegriffen, ohne dass ihm oder anderen etwas passierte. Die Nazis planten allerdings, auch ihn zu ermorden. Das wollten sie sich aber für die Zeit nach dem "Endsieg" aufsparen - was wiederum Pius XII. nicht wissen konnte. Denn die öffentlichen Proteste von Galens bewirkten, dass die Euthanasieprogramme gestoppt wurden. Hätte also eine klare Verurteilung der Massendeportationen durch den Papst nicht doch viele Leben retten können?

Ein gebrochenes Wesen

Cornwell kam in seinem vor zwei Jahren veröffentlichten Buch "Der Papst, der geschwiegen hat" zu dem Ergebnis, dass Pacelli kaum als ein Beispiel von Heiligkeit diene, sondern als Beispiel für "ein in sich gebrochenes menschliches Wesen". Michael Marrus, einer der sechs Historiker der jüdisch-katholischen Kommission, die jetzt ihre Arbeit niedergelegt hat, glaubt nicht, dass sich jemals wieder ein anderes oder gar eindeutiges Bild von Pius XII. ergeben wird. Auch in den Tiefen des Vatikans vermutet er keine großartigen Geheimnisse. Die Welt wird sich also damit abfinden müssen, dass Pius weder ein Heiliger war, noch mit dem Teufel paktierte. Aber das Nicht-Geradlinige, das Zweifelhafte, das menschliches Verhalten gerade auszeichnet, bei einem anderen zu akzeptieren, ist schwer. Wenn es sich um einen Papst handelt, scheint es schier unmöglich.

Aber bis zur einer endgültigen Beurteilung müssen erst einmal alle vorhandenen Akten gesichtet werden. Deshalb machen Marrus und seine Kollegen Robert Wistrich, Bernard Suchecky und die beiden katholischen Wissenschaftler Reverend Gerald Fogarty und John Morley, aus denen die Studiengruppe besteht (eine Wissenschaftlerin ist in der Zwischenzeit ausgestiegen), die Öffnung der Archive zur Bedingung dafür, dass sie ihre Arbeit fortsetzen.

"Es steht uns fern, Pius XII. anzugreifen", sagt Michael Marrus. Aber zur Arbeit eines Historikers gehöre nun einmal die Einsicht in alle Akten zur Klärung offener Fragen. Letzten Herbst hatte die Studiengruppe statt eines Abschlussberichts über die elf Bände der "Actes et Documents" 47 Fragen formuliert. Die meisten zielen auf Dokumente, die in den Fußnoten der Edition erwähnt werden: Briefe an den Papst, Gesprächsprotokolle oder Vatikan-interne Diskussionspapiere. Von ihnen erhoffen sich die Wissenschaftler zum Beispiel eine Antwort darauf, warum Pacelli 1941 den kroatischen Faschisten-Führer Pavelic empfangen hat, dessen Regime zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderttausende Serben und Juden ermordet hatte. Aber die Antwort auf diese Fragen ließ auf sich warten; Jesuiten-Pater Peter Gumpel, der für die Seligsprechung von Pius XII. zuständig ist, unterstellte der Studiengruppe schließlich, durch die Verbreitung "tendenziöser Nachrichten" dem Heiligen Stuhl schaden zu wollen. Mittlerweile gibt es ein Versöhnungsangebot aus dem Vatikan: Aus Respekt vor der historischen Wahrheit sei man bereit, Zugang zu den Geheimarchiven zu gewähren, sobald die Katalogisierung der Dokumente abgeschlossen ist. Wann das jedoch der Fall sein wird, weiß wahrscheinlich nicht einmal der Allmächtige.

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