• Pariser Bauchgefühl: Das militärische Eingreifen in Mali und die traditionelle Moral

Pariser Bauchgefühl : Das militärische Eingreifen in Mali und die traditionelle Moral

Frankreichs Intervention im Sahel war wohlüberlegt, meint unser Autor Hans Christoph Buch und zeigt die Verbindung zwischen Protest gegen die Homoehe in Paris und dem französischen Militäreinsatz in Mali auf.

Hans Christoph Buch
Kolonialer Schatten. Französische Soldaten in Bamako, der Hauptstadt Malis. Foto: Reuters
Kolonialer Schatten. Französische Soldaten in Bamako, der Hauptstadt Malis. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Verkehrte Welt: Hunderttausende gehen auf die Straße, um gegen die Homo-Ehe zu protestieren, aber die Mehrheit der Bevölkerung, einschließlich fast aller Parteien, befürwortet die vom sozialistischen Präsidenten befohlene Militärintervention im westafrikanischen Mali. Und das in Paris, einem Hort sexueller Libertinage und Herold radikaler Kolonialismuskritik – von Diderot und de Sade bis zu Jean-Paul Sartre und Jean Genet. Was ist passiert? Sind die Franzosen über Nacht zu prüden Puritanern und wild gewordenen Kriegstreibern geworden?

An dieser Stelle wird gern auf die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg verwiesen, die nicht durch Gewaltlosigkeit, sondern durch bewaffneten Widerstand und die alliierte Invasion beendet wurde, aber auch Frankreichs leidvolle Erfahrungen 1914/18 oder 1870/71 können als Beispiele dienen. Das Verbindende indes zwischen dem Protest gegen die Schwulenehe und der Zustimmung zum Militäreinsatz in Mali liegt tiefer und zeigt, dass es so etwas wie Volkssouveränität gibt, die Frankreichs Demokratie, allen Missständen zum Trotz, mit Leben erfüllt.

Es ist das Gefühl, dass eine rote Linie überschritten wurde, die den Ruf „Bis hierher und nicht weiter!“ provoziert, ein Bauchgefühl, das durch alle Klassen und Schichten geht und den Parteienstreit, der hierzulande besonders gallig ist, vorübergehend ruhen lässt. Symptomatisch dafür ist, dass Frankreichs Rechtsaußen Marine Le Pen den Anhängern des Front National freistellte, gegen die Homo-Ehe zu protestieren oder nicht. Aus Sicht rechter Ultras wird die Parteivorsitzende von Schwulen manipuliert.

Die Krise in Mali in Bildern
Ein Handout der französischen Armee, zur Verfügung gestellt vom French Army Communications Audiovisual office (ECPAD), zeigt einen französischen und einen malischen Soldaten im Gespräch, während der Militäroperation "Serval" in Diabali, Mali.Weitere Bilder anzeigen
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24.01.2013 15:12Ein Handout der französischen Armee, zur Verfügung gestellt vom French Army Communications Audiovisual office (ECPAD), zeigt einen...

Das Bauchgefühl ist dadurch zu erklären, dass Frankreich zwar ein säkularer Staat ist, der Religion und Politik trennt und Ganzkörperschleier verbietet, gleichzeitig aber ein katholisch geprägtes Land mit lateinischer Sprache und Kultur, die den Unterschied von Sein und Schein betont. Die meisten Franzosen sind in sexuellen Fragen tolerant, aber die Vorstellung eines Babys, egal ob künstlich befruchtet oder adoptiert, das statt Vater und Mutter zwei Väter oder zwei Mütter hat, ist ein Horror für sie. Hier wurde eine rote Linie überschritten, die, quer zum Parteiengezänk, die öffentliche Meinung polarisiert und Hollande, der mit dem Gesetzesvorhaben verlorenes Terrain zurückerobern will, isoliert.

Umgekehrt haben die Rebellengruppen im Norden Malis eine Linie überschritten, die den Präsidenten zwang, Farbe zu bekennen und Worten Taten folgen zu lassen. Damit ist nicht die Zerstörung unter Denkmalschutz stehender Gebetsschreine und Marabu-Gräber in Timbuktu gemeint, die von religiösen Fanatikern verwüstet wurden, sondern die Tatsache, dass die Islamisten in ihrer Gewalt befindliche Franzosen ermordeten und die Verhandlungen zum Freikauf der Geiseln scheiterten, obwohl Paris bereit war, einen hohen Preis zu zahlen.

Frankreich ist die traditionelle Schutzmacht aus dem frankophonen Sudan hervorgegangener Länder Afrikas, und seine Initiative zur Intervention in Mali wurde vom Weltsicherheitsrat wohlwollend begrüßt, ohne dass die USA sich zum Eingreifen verpflichteten. Gleichzeitig schob man die Sache auf die lange Bank, weil die Mühlen der westafrikanischen Staatengemeinschaft noch langsamer mahlen als die der traditionell zögerlichen EU. Das Hilfsersuchen der malischen Regierung ist nicht viel wert, weil diese nur auf dem Papier existiert.

Mali war nie ein Musterland der Demokratie, wie blauäugige Besucher uns weismachen wollten, sondern ein von Stammesrivalitäten und Korruption zersetzter, zerfallender Staat, der, durch Tuareg-Aufstände und Militärputschs geschwächt, sein ausgedehntes Territorium schon lange nicht mehr kontrolliert.

Ein Wüstenkrieg im Nigerbogen zwischen Mopti und Gao ist schwer zu gewinnen, solange Tuareg-Rebellen, die das Terrain kennen, und Al-Qaida-Terroristen gemeinsame Sache machen. Doch das Zweckbündnis zeigt Risse, und die Option, einen Keil zwischen beide zu treiben, ist den Versuch wert. Frankreichs Intervention im Sahel war nicht überstürzt, sondern wohlüberlegt, und sie hat logistische Unterstützung, auch von deutscher Seite, verdient.

Der Autor lebt in Berlin. Sein Romanessay „Apokalypse Afrika – Schiffbruch mit Zuschauern“ erschien 2011 in der Anderen Bibliothek.

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