Kultur : Pariser Doppelleben

Nur zwei Bilder: eine exquisite Münchner Ausstellung zu Edouard Manet

Bernhard Schulz

Zwei Bilder – aber was für Bilder! Lediglich zwei Gemälde zeigt die Ausstellung der Neuen Pinakothek München, „Manet Manet. Zwei Bilder, ein Raum“. In der etwas gewollten Doppelung des Namens steckt der Hinweis darauf, dass die beiden Werke Anfangs- und Endpunkt der reifen Phase des Malers markieren. Es ist jene Phase, da Edouard Manet (1832–1883) zu jenem „Maler des modernen Lebens“ wurde, wie ihn sein Dichterfreund Charles Baudelaire gefordert hatte.

Paris unter Kaiser Napoleon III. und seinem allmächtigen Präfekten Haussmann wuchs zu jener „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ heran, die Walter Benjamin Jahrzehnte später beschwören sollte. Manet wurde einer ihrer Maler; und auf eine vertrackte Weise wurde gerade er, der doch so sehr auf die Tradition der Kunst achtete, zu jenem Baudelaireschen peintre de la vie moderne. Das macht den Zauber und die Rätselhaftigkeit seiner reifen Gemälde aus, von denen die beiden in München gezeigten Hauptwerke Zeugnis ablegen.

Sie werden auch jetzt nicht gänzlich zu entschlüsseln sein, da ihnen die Aufmerksamkeit der Besucher ganz allein gehört. Man hat die beiden Bilder, „Le déjeuner“, 1868 entstanden und aus eigenem Münchner Besitz, sowie „Un bar aux Folies-Bergère“ von 1881/82 aus dem Londoner Courtauld Institute, zuletzt vor über zwanzig Jahren gemeinsam in einer Ausstellung sehen können. In der Pariser Retrospektive zu Manets 100. Todestag 1983 freilich waren sie wegen der chronologischen Anordnung voneinander getrennt. In München hängen sie über Eck und ermöglichen den direkten Vergleich.

Die Sujets sind höchst unterschiedlich. Das frühe Bild zeigt einen blasierten jungen Mann vor einem Tisch, augenscheinlich nach einem Essen, rechts im Halbdunkel verschwimmend ein durch seinen Habitus ausgewiesenen Bourgeois. Lange Zeit galt das Bild als Atelierdarstellung, was sich nach gründlicher Röntgenuntersuchung als Fehldeutung erwies. Es handelt sich ursprünglich um ein Restaurant; „ursprünglich“ deshalb, weil Manet sein Bild durch anspielungsreiche Details im Laufe des Malvorgangs verrätselt hat.

Die „Bar“ hingegen ist in einem seinerzeit aller Welt geläufigen Etablissement angesiedelt, in der Konzert- und Varietéhalle der „Folies-Bergère“, in der allabendlich Hunderte jene flüchtige Unterhaltung suchten, die zum Ausweis des modernen Zeitalters wurde. Nur: Die Serviererin, die Manet genau in die Mittelachse seines Bildes gerückt hat, ist alles andere als jenes Animiermädchen, das man hinter einem mit Flaschen reich bestückten Tresen erwarten würde. Sie schaut halb melancholisch, halb vom ennui gelähmt durch den Betrachter, ja überhaupt durch die Welt hindurch.

Der Interpretation ist Tür und Tor geöffnet; der Münchner Katalog legt davon in seinen drei, jeweils unterschiedlich argumentierenden Essays beredtes Zeugnis ab. Manets Bilder „stimmen“ nicht, das hat schon die zeitgenössische Kritik erkannt und bespöttelt. Beide Werke waren auf dem geschmacksbildenden Pariser Salon ausgestellt; darauf zielte stets der Ehrgeiz Manets. Und doch verstießen die Bilder gegen jede Konvention. Während der Salon alljährlich von naturalistischen Genrebildern überquoll, bewahrt Manet eine klassische Tradition, um sie doch zugleich Pinselstrich für Pinselstrich zu dementieren. Manet zeigte eine Welt, die sich beim näheren Hinsehen als fragmentiert erweist, als Summe einzelner Eindrücke, die sich nicht länger zu einem Ganzen fügen.

Dabei ist die malerische Delikatesse, ist Manets peinture schlichtweg großartig. In jenem Auseinanderfallen von problematischem Sujet und autonomer Malerei spiegelt sich der Prozess der Moderne, die über den Impressionismus hinaus zur Loslösung von jeglicher Wirklichkeitswiedergabe führen sollte. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist die künstlerische Entsprechung, die die zeitgenössischen Sujets zur Analyse der Großstadt bilden, wie sie Schriftsteller wie Manets enger Freund Emile Zola leisteten. Manets Bilder sind Gesellschaftsportraits, in denen das Personal des bürgerlich-neureichen Paris vorgeführt wird – aber nicht als Typen denunziert, sondern als Charaktere gewürdigt. Das hebt Manets Kunst über die Genremalerei seiner Zeit so unendlich weit hinaus. In München ist das zu studieren. Mehr als dieser beiden Bilder bedarf es nicht. Zu besichtigen ist: ein Ereignis.

München, Neue Pinakothek, Barer Str. 29, bis 10. April. Katalog bei DuMont, auch im Buchhandel 19,90 €.

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