Kultur : Parole Potemkin

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Christina Tilmann sucht

die Adressaten des Filmkanons

Uschi Reich, Produzentin bei der Bavaria, stand im Expertengremium „Filmkanon“auf verlorenem Posten: „Der Kinderfilm ist schlecht repräsentiert“, sagte sie am Mittwoch bei der Vorstellung des mit heißer Nadel zusammengestrickten Kanons, den die Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin als Leitlinie für die Beschäftigung mit dem Genre Film in deutschen Schulen initiiert hat (Tsp. vom 17. Juli). Keine Ronja Räubertochter, kein Club der toten Dichter. Dafür der olle Emil und Dick und Doof. Und doch soll der Kanon schon ab der Grundschule gelten, also demnächst: „Panzerkreuzer Potemkin“, „Blow Up“ oder „Ein kurzer Film über das Töten“ für Sechsjährige?

Kleiner Test bei meiner Nichte, sweet sixteen und begeisterte Kinogängerin: Von der Liste kennt sie gerade mal fünf Filme: „Das Dschungelbuch“, „Emil und die Detektive“, „Der Zauberer von Oz“ und (immerhin) „Vertigo“ und „Taxi Driver“. Gegentest bei einer Nachbarin, ebenfalls Kinofan, nur einige Jahre weiter: Sie kennt fast alle Filme und vermisst mindestens ebenso viele. Könnte sein, dass da etwas falsch gelaufen ist und die Herren Prinzler, Schlöndorff, Tykwer & Co. eine Liste für ihresgleichen zusammengestellt haben, ein Best Of, das nur schätzen kann, wer die Filmbildung, die der Kanon anregen soll, schon längst hat?

Man denke sich: Die „Matrix“ und „Star Wars“-geschulten Schüler in Konfrontation mit Chris Markers komplexem „Sans Soleil“, mit Kiarostamis halbdokumentarischer Filmrecherche „Wo ist das Haus meines Freundes?“ oder Tarkowskijs esoterischem „Stalker“: Wer damit neu für Film zu begeistern ist, muss schon hartgesotten sein.

Wäre das Ziel, das kritische Sehen, den aufgeklärten Umgang mit Bildern zu lehren, nicht auch anhand populärerer Filme zu leisten, solchen, die Schüler dort abholen, wo sie sind, und die von ihnen bereitwillig konsumierten Freizeitfilme einer zweiten, kritischen Analyse unterziehen? Sind es im letzten Jahrzehnt nicht eher die Coens oder Tarantinos, Spielbergs oder Lynchs, die die ästhetische Entwicklung geprägt haben? Müsste nicht, wenn es schon um Filmpositionen und Filmsprachen geht, ein Film wie Thomas Vinterbergs „Fest“ dabei sein, statt mit Ang Lee einen eleganten, aber in der Filmsprache konformen Außenseiter zu wählen? Ganz abgesehen davon, dass erst noch zu beweisen ist, wie es einem der Initiatoren gelingen will, eine Kopie von John Fords klassischem, aber in Deutschland mangels Kopie fast nie gezeigtem „Stagecoach“ für den Schulgebrauch zu finden. Von der Finanzierung dieser unpädagogischen Kopfgeburt ganz zu schweigen.

Das Spiel, was zum Kanon gehört und was nicht, was der eigene Lieblingsfilm und was die 25, 35 oder 100 besten Filme aller Zeiten sind, ist gespielt worden, seit es Filme gibt. Was aber die Kanondiskussion, die literarische wie die cineastische, vermissen lässt, ist eine Prise Systemtheorie: die Erkenntnis, dass jeder Kanon in seinem System und nach dessen Codes funktioniert. Ein Cineastenkanon für Cineasten. Und ein Schulkanon für Schüler. Hier haben die Experten versagt. Lehrer, übernehmen Sie.

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