Kultur : Parteitag der Grünen: Szenen einer Ehe

Ruth Ciesinger

Als die Grünen im Jahr 1982 mit acht Prozent der Stimmen in den hessischen Landtag einziehen, sieht der damalige SPD-Vorsitzende Willy Brandt eine "neue Mehrheit links von der Union" auftauchen. Bis zur ersten rot-grünen Koalition auf Bundesebene dauert es aber noch 16 Jahre. In den Bundesländern dagegen koalieren die Grünen seit Mitte der achtziger Jahre aber immer wieder mit, die politischen Verbindungen sind turbulent.

Das erste Mal. Drei Jahre nach dem Erfolg in Hessen leistet Joschka Fischer in Turnschuhen und Jeans vor dem SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner seinen Eid als erster grüner Umweltminister. Nach 452 Tagen zerbricht die Koalition am Streit über die Hanauer Plutoniumfabrik Alkem, die Fischer stilllegen lassen will. Bei Neuwahlen legen die Grünen rund drei Prozent zu auf 9,4 Prozent.

Häuserkampf. Anfang 1989 gewinnt die "Alternative Liste" bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen 11,8 Prozent und tut sich daraufhin mit der SPD zusammen. Im November 1990 zerbricht das Bündnis, weil die Sozialdemokraten besetzte Häuser im Ostteil der Stadt räumen lassen.

Zukunftsmusik. Von 1990 bis 1994 regieren Gerhard Schröder und Jürgen Trittin als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten das erste Mal gemeinsam, und zwar in Niedersachsen. Die Koalition hält, es gibt aber immer mal wieder Krach, zum Beispiel über das Endlager in Gorleben und über die Ems-Vertiefung. Nach den Wahlen 1994 regiert Gerhard Schröder lieber allein weiter.

Wiederheirat. Hessen probiert 1991 zum zweiten Mal die rot-grüne Koalition. Sie hält bis 1999, als Roland Koch von der CDU den SPD-Ministerpräsidenten Hans Eichel ablöst. Der von der Bundesregierung eingeleitete Atomausstieg und die Anti-Doppelpass-Kampagne der Union kosten die Partei viele Stimmen, vermuten Politikbeobachter.

Ampel I. In Bremen erzielen die Grünen 1991 11,4 Prozent. Gemeinsam mit FDP und SPD wird regiert, bis der grüne Umweltsenator Ralf Fücks 1995 im Alleingang ein Fünftel der Bremer Stadtfläche bei der EU als Vogelschutzgebiet anmeldet. Daraufhin unterstützt die FDP ein Mißtrauensvotum der CDU gegen den Senator. Fazit in Bremen: nie wieder Ampel.

Ampel II. Bis 1994 regieren Bündnis 90, die 1993 mit den Grünen assoziieren, vier Jahre zusammen mit SPD und FDP in Brandenburg. Dann wirft der Bündnis-Vorsitzende Günter Nooke Ministerpräsident Manfred Stolpe vor, über seine Beziehung zur Stasi zu lügen. Die Koalition zerbricht, die Partei fliegt aus dem Landtag und verpasst seitdem regelmäßig den Wiedereinzug.

Zweckgemeinschaft. Seit 1995 regieren die Grünen mit den Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen. Trotz gewisser Meinungsunterschiede über den Kampf gegen die Maul- und Klauenseuche, über die Flughafenpolitik und beim Braunkohleabbau sind Bärbel Höhn und Wolfgang Clement nach wie vor ein Paar.

Intermezzo. Im Osten hat die Partei kein Glück. Von 1994 bis 1998 regiert sie gemeinsam mit der SPD in Sachsen-Anhalt, dann scheitert eine Neuauflage der Koalition am Wählervotum. Die Grünen kehren nicht in den Landtag zurück.

Dauerauftrag. In Schleswig-Holstein vertragen sich die Grünen trotz der manchmal streitbaren Ministerpräsidentin Heide Simonis ziemlich gut mit der SPD. Seit 1995 koaliert die Partei mit den Sozialdemokraten. Nur am Bau der Autobahn A 20 drohte das Bündnis einmal zu scheitern. Im Jahr 1999 bestätigten die Wähler die Regierung aber im Amt.

Rechtsruck. Die Hamburger rot-grüne Koalition scheitert an Ronald Schill. Im Bündnis, das vier Jahre bestand, brodelte es schon vorher. Im Mai 1999 traten fünf Abgeordneten der Grün-Alternativen Liste (GAL) aus der Partei aus, weil sie die Politik der Bundesregierung im Kosovo-Konflikt nicht mittragen wollen.

Ampel III. Trotz wenig erfolgreicher Vorbilder versuchen sich Grüne, SPD und FDP nach den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus mit der dritten Ampel. Ausgang noch offen.

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