PAUKEN & Trompeten : Fluch der Fingerfertigkeit

Jörg Königsdorf überwindet das Czerny-Trauma

Jörg Königsdorf

Für die Gemeinheiten, die er sich zur Quälerei zahlloser Klavierschüler ausdachte, hat Carl Czerny bitter büßen müssen. Denn in seinem an sich lobenswerten Bestreben, für taugliches Unterrrichtsmaterial zu sorgen, übersah der 1791 geborene Wiener eine entscheidende Tatsache: Jeder, der sich durch die Czerny-Hefte mit Etüden, Walzern und Arienarrangements ackern musste, glaubt, genug von diesem Komponisten gehört zu haben. Wer dagegen an diesen Hürden gescheitert ist, dürfte für den Rest des Lebens traumatisiert sein. Und ärger noch: Gerade weil Czernys „Kunst der Fingerfertigkeit“ so erfolgreich war, wurde er auch noch für die vermeintliche Fehlentwicklung der Musik des 19. Jahrhunderts hin zu immer überladenerem Virtuosentum haftbar gemacht.

Tatsächlich war der Beethoven-Schüler und Lehrer Liszts ein vielseitiger und guter Komponist. Selbst die Übungsstücke besitzen einen melodischen Grundreiz und entwickeln manchmal einen wienerischen Charme. Daneben gibt es Sinfonien, Konzerte und Kammermusik und natürlich auch groß dimensionierte Klavierwerke – ein Œuvre von hunderten Werken, das der Sichtung harrt.

Das Musikinstrumenten-Museum hat nun den 150. Todestag Czernys zum Anlass eines Rehabilitierungsversuchs genommen. Parallel zu einer von Freitag an gezeigten Ausstellung mit Material aus dem Archiv der Wiener Gesellschaft für Musikfreunde vermittelt eine kleine Konzertreihe einen Eindruck von Czernys Schaffen. Den Anfang machen gleich am Freitag Stipendiaten der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker, die einen Querschnitt durch die Kammermusik präsentieren. Am Sonntagmittag stellen Studierende der Hanns-Eisler-Hochschule das Liedschaffen vor, doch das interessanteste der drei Konzerte ist vielleicht der Klavierabend am Samstag, bei dem Czernys Klaviermusik auf dem Programm steht – gespielt auf dem eigens aus Wien herangekarrten Bösendorfer-Flügel des Komponisten von 1834. Für alle frustrierten ehemaligen Klavierschüler wäre das die Gelegenheit, endlich ihr Czerny-Trauma zu überwinden.

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