PAUKEN & Trompeten : Melodien für Ruinen

Zwölftonmusik bleibt Geschmackssache. Jörg Königsdorf versucht, nach Schönberg zu pfeifen.

Jörg Königsdorf

Ob Arnold Schönberg jemals ein echter Publikumsliebling werden wird? Seit Jahrzehnten bemühen sich die berühmtesten Dirigenten hartnäckig, ihr Publikum davon zu überzeugen, dass der Vater der Zwölftonmusik einer der größten Komponisten der Geschichte und sozusagen der Picasso der Musik ist. Und doch ist der Erfolg im Verhältnis zum Aufwand bescheiden: Zwar treiben Schönbergs Werke heute niemanden mehr aus dem Konzertsaal, aber eben auch nicht hinein.

Natürlich ist Schönberg am Misstrauen, das seinen Werken auch nach hundert Jahren noch entgegenschlägt, in gewisser Weise selbst schuld. Hätte er in seinen Werken doch nur ein paar süffige Melodien verarbeitet, sähe die Sache anders aus. Und wahrscheinlich liegt man nicht falsch mit der Vermutung, dass Schönberg nicht populär ist, weil sich seine Musik nicht nachpfeifen lässt.

Wenn Ingo Metzmacher dirigiert, kommt man allerdings glatt in Versuchung: Selbst ein eher sperriges Werk wie „Moses und Aron“ kann bei Metzmacher geradezu schmissig klingen. Auch bei dem Schwerpunktthema dieser DSO-Spielzeit, „Aufbruch 1909“, spielt Schönberg natürlich eine Hauptrolle. Am kommenden Wochenende widmet Metzmacher ihm sogar ein eigenes Mini-Festival, bei dem es drei Abende lang Schönberg pur gibt – sinnigerweise im Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße, das ebenfalls 1909 erbaut wurde.

Die späten extrem strengen Werke wie das Streichtrio bleiben angesichts des Richtjahrs 1909 zwar ausgeklammert, aber gerade deshalb eignen sich die drei im Wesentlichen von DSO-Musikern bestrittenen Konzerte gut für den Einstieg. Das Streichsextett „Verklärte Nacht“, mit dem die Hommage am Freitag eröffnet wird, dürfte zu den zugänglichsten Schönberg-Stücken gehören, und die kabarettistischen Brettl-Lieder, für die sich Metzmacher selbst ans Klavier setzt, passen mit ihren Schlüpfrigkeiten viel besser in eine schummrige Konzert-Bar, wie es sie im Tacheles gibt, als in einen drögen Konzertsaal. Dieser dritte Abend am Sonntag ist ohnehin das Highlight der Reihe, weil hier zwei großartige Sängerinnen in der Ruine der ehemaligen „Friedrichstadtpassage“ vorbeischauen: Die Neue-Musik-Expertin Salome Kammer gehört zu den wenigen Interpretinnen, die für den heiklen, zwischen expressionistischem Deklamieren und Singen oszillierenden Zyklus „Pierrot lunaire“ den richtigen Ton finden, und die Kanadierin Measha Bruggergosman hat bereits auf ihrer Debüt-CD gezeigt, dass sie die Brettl-Lieder mit einem Charisma singen kann wie sonst nur Jessye Norman.

Neu gewonnene Fans werden Metzmacher dann sicher auch in die Philharmonie folgen, wo er zwei Tage später seine Schönberg-Kampagne mit dem Monodram „Erwartung“ fortsetzt. Bei dem Konzert des DSO am Dienstag und Mittwoch (25./26.) steht allerdings nicht nur Schönberg, sondern auch noch Mahlers zeitgleich entstandenes „Lied von der Erde“ auf dem Programm. Irgendwas möchte man schließlich auch auf dem Nachhauseweg pfeifen können.

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