PAUKEN & Trompeten : Paris liegt in der Karl-Marx-Straße

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Heute soll es nach China gehen, und einmal mehr weist die Neuköllner Oper den Weg. Die beiden Freunde Ma und Li nämlich sind im Jahr 2030 unter falschem Namen in einer chinesischen Glückskeksfabrik gelandet. Der Glückskeks, ein gefaltetes Süßgebäck mit Sinnspruch à la „Nutze deine Möglichkeiten“ oder „Etwas Großartiges wird demnächst geschehen“, stammt zwar nicht aus China, sondern tauchte in seiner heute bekannten Form Anfang des 20. Jahrhunderts an der amerikanischen Westküste auf, aber das tut nichts zur Sache, an der Neuköllner Oper gibt es nämlich nebenbei auch Aufklärung in Sachen „Vorurteile“ und „nationale Klischees“. Zurück also in die nahe Zukunft, zu Ma und seiner Freundin Li. Europa ist abgeschrieben, der Euro keinen Heller mehr wert, und in China sucht man nach Jahren der Ein-Kind-Politik dringend neue Arbeitskräfte. Ma und Li mühen sich redlich. Sie haben allerdings noch Probleme mit der Landessprache, müssen sich mit einem Pseudochinesisch behelfen und zetteln nach einiger Zeit sogar eine Revolution an. Natürlich verboten! Außerdem gibt es Ärger mit Vorarbeiter Hung.

Der Autor und Moderator Kriss Rudolph hat sich die Handlung zum „Aufstand der Glückskekse“ bei Operettenmeister Jacques Offenbach und dessen großartigem Einakter „Ba-ta-clan“ abgeschaut, der 1855 in Offenbachs eigenem „Thêátre des Bouffes-Parisiens“ uraufgeführt wurde. In Paris war es seinerzeit noch um eine Parodie auf Meyerbeers grand opéra „Hugenotten“ und das französische dritte Kaiserreich gegangen – in der Neuköllner Version, die erst Anfang Juli Premiere feierte, geht es gleich um die ganze globalisierte Welt. Von Offenbachs Thêátre und der Neuköllner Oper lernen heißt im Übrigen lernen, mit knappen Ressourcen umzugehen. Schließlich sah schon der Komponist für seine Operette nur vier Sängerinnen und Sänger vor, und in Neukölln, wo die „chinesische Offenbachiade“ in dieser Woche zu sehen ist (Restkarten für Samstag, auch für Vorstellungen im August sind noch zu haben), arbeitet man noch deutlicher nach dem Prinzip des „insourcing“, also der Doppelt- und Dreifachnutzung der eigenen Möglichkeiten: Gustav Rueb hat die Inszenierung gemeinsam mit Alexandre Corazzola (Ausstattung) den Modalitäten der kleinen Neuköllner Bühne angepasst. Von Andrew Hannan, der auch die musikalische Leitung des Abends übernimmt, stammt das Arrangement der Partitur für die kleine zweimanualige Konzertorgel, an der er selbst sitzen wird. Und Nini Stadlmann, die die Choreographie für das Sängerensemble entwickelt hat, singt in der Rolle der Fabrikchefin Ai selbst mit, die anderen Partien werden von Dejan Brkic, Nikolas Heiber und Alexandra Schmidt übernommen.

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