Kultur : Pause auf dem Dach

ULF MEYER

Die Berliner Schulbaupolitik hat sich nach der Wiedervereinigung dramatisch verändert.Der aufsehenerregende Schulneubau, den die Architekten Tim Heide, Peter Sassenroth und Andrew Alberts in Lichterfelde entworfen haben, markiert diesen Wendepunkt.Die Architekten, die damals zum Teil noch im Studium steckten, schlossen sich 1988/89 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen und gewannen prompt den Wettbewerb für eine dreizügige Grundschule in der Curtiusstraße.Damals herrschte noch kein Interesse an Typenschulen bei den Schul- und Baubehörden, und die Architekten konnten sich mit einem raffiniert-unkonventionellen Projekt durchsetzen.

Das Schulgrundstück barg eine besondere Schwierigkeit: Es war für das vorgesehene Raumprogramm zu klein.Auf dem Grundstück, das ehemals von einer Gärtnerei genutzt wurde, stehen herrliche alte Bäume, die es zu schonen galt.Die Architekten haben mit zwei einfachen, aber geschickten Griffen das Problem bewältigt: Sie sahen ein Gebäude vor, dessen Grundriß nach den Bäumen ausgerichtet ist - und verlegten zum anderen die umfangreichen Sport- und Pausenflächen, die fast das ganze Grundstück eingenommen hätten, auf eine Plattform, die wie ein Tisch über dem Gebäude steht.Weil Heide, Alberts und Sassenroth als einziges Team den Garten auf diese Weise geschont haben und ökologische Aspekte auch unter pädagogischen Gesichtspunkten unter dem damaligen rot-grünen Senat noch einen besonderen Wert einnahmen, konnte sich dieses Konzept durchsetzen.Unter dem großen Dach liegt ein Ensemble von Gebäuden mit drei Elementen: dem Klassentrakt, einer Kita im Westen und einer Doppelsporthalle, die beide Bereiche voneinander trennt.Die Häuser funktionieren auch autonom.Durch seine Länge und Vielgestaltigkeit ist das Gebäude in seiner Gesamtheit kaum zu erfassen.

Städtebaulich korrespondiert die klare Rechteckform des Daches mit den nach Norden angrenzenden Gewerbeflächen und der Bahntrasse, während sich die amorphen Körper der Klassen und der Kita in ihrer Maßstäblichkeit zur rückwärtigen Villennachbarschaft orientieren.Über eine geböschte Rampe erreicht man den Haupteingang zwischen der Halle und dem Schultrakt.Er ist durch einen Einschnitt im Dach markiert.Im einhüftigen Gebäuderiegel entlang der Curtiusstraße befinden sich die Fachräume, Lehrerzimmer und die Verwaltung.Er hat eine disziplinierte Fassade aus hellen Faserzementplatten.Auch die Lochfassaden der drei Klassenhäuser sind in Naturtönen verputzt, wie sie auch in der Nachbarschaft vorkommen.Die Klassenräume sind trichterförmig und vorteilhaft nach Südosten orientiert und fangen durch Holzfenster die Morgensonne ein.Der aufgeweitete Flur davor schafft einen Regenpausenraum direkt vor den Klassen.Glashäute zwischen den Baukörpern setzen Bezüge zum Garten bis tief ins Gebäude und lassen den Blick immer wieder aufs Haus zurückfallen.

Alle anderen Funktionen sind jedoch auf dem Dach zusammengefaßt, um keine Konkurrenz innerhalb des Hauses zu schaffen: wettbewerbsfähige Sportanlagen wie eine Laufbahn, ein Spielfeld und selbst Sprunganlagen.Das Dach lastet nicht auf dem Haus, sondern auf V-Stützen, die in Stahlverbundbauweise aus Fertigteilen errichtet wurden.Von diesem an New York erinnernden rooftop genießt man einen weiten Blick über die Stadt.Dieser einzigartige Raum wird gewiß von den Schülern angenommen werden, wenn die Schule im nächsten Schuljahr eingeweiht wird.Denn damit steht und fällt das Konzept.Behinderte gelangen mit Fahrstühlen aufs Dach.

Der Bau des Dachs stellte sich für die damals noch relativ unerfahrenen Architekten als unerwartet schwierig heraus.Zusammen mit einem zwischenzeitlich veralteten Raumprogramm trug diese Tatsache auch zur langen Planungs- und Bauzeit von annähernd zehn Jahren (!) bei.Das Konzept der "vielen Häuser unter einem gemeinsamen Nenner" schuf jedoch einige Flexibilität beim zwischenzeitlich nötig gewordenen Sparen.Auch wenn die Detailstärke angesichts der "vielen Architektur" nicht vollständig durchzuhalten war, ist in Lichterfelde ein sehr sehenswertes Frühwerk Berliner Architekten als Teil des großen Berliner Schulbauprogramms der späten 80er Jahre entstanden, dessen Vorgaben leider schon wieder Geschichte sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben