Kultur : Peanuts für Berlusconi

Nach Genua: Fausto Paravidinos Lehrstück im Theater im Münchner Haus der Kunst

Marietta Piekenbrock

In München gibt es ein Widerstandsnest. In Wurfweite zum amerikanischen Generalkonsulat im Westflügel vom Haus der Kunst, auf der Interimsbühne des bayerischen Staatsschauspiel hat eine Splittergruppe der Anti-Berlusconi-Bewegung ihr Quartier aufgeschlagen. Der junge Dramatiker und gebürtige Genueser mit dem kraftvollen Namen Fausto Paravidino ist ihr Anführer, die Regisseurin Tina Lanik seine kluge Kollaborateurin. Gemeinsam konjugieren sie mit einer Truppe sympathisierender Schauspieler die Grundbegriffe der Globalisierung durch: Arbeitsmarktpolitik, Aufenthaltsgenehmigung, Freier Personen- und Warenverkehr, Marktgesetze. „Peanuts“ ist das achte Drama Paravidinos. Als Autor und Regisseur hat er sich schnell als Unbestechlicher einen Namen gemacht. Seit der Wind scharf rechts weht, fällt die Prägung seiner Stücke zunehmend politischer aus. „Peanuts“ enstand als Reflex auf den gewalttätigen G8-Gipfel 2001, für den Berlusconis Mediendemokratie vor den Augen der Welt die Regie übernommen hatte.

Das Stück funktioniert wie ein Parabolspiegel. In seiner Mitte sammeln sich die Realien unserer Alltags- und Politikkultur. Kurze, szenische Begriffs-Meditationen bündeln sich zu einem gleichnishaften Lehrstück auf die italienische „Diktatur der Mehrheit“. Nicht immer sollte man das Leben benutzen, um ein Werk zu interpretieren. Aber so wie die Dinge liegen, und sie liegen in Italien tatsächlich schlimm, darf man die Wirklichkeit getrost beim Namen nennen: Italien, du hast ein Problem!

Die populistische Rhetorik des Impresarios hat Paravidino raffiniert in den Binnenraum der dramatischen Rede übertragen. Für komplexe Probleme findet er schlichte Beispiele, für ernste Angelegenheiten beruhigende Botschaften. Als Großmetapher für die Infantilisierung der Gesellschaft lässt er die „Peanuts“ auf die Bühne toben. Charlie Brown hört hier auf den Passepartout-Namen Buddy. Ein so charismatischer wie argloser Verlierer. Buddy hat einen Job als Hausmeister für ein superchices Appartment. Und die Peanuts-Familie hilft ihm dabei. Huchjuh! Erlaubt ist, was Spass macht: Cola kaufen. Designersofa dreckig machen. Zeichentrickfilme übers Kriegführen gucken. Einen Haufen Probleme lösen wollen. Den Fernseher kurz und klein schlagen. Planen, einen neuen zu kaufen. Hoffen, dass man an solchen Erfahrungen wächst. Den anderen erzählen, wovon man träumt. Das ist allerdings erst die Hälfte der Wahrheit.

Mikrokosmos der Tragödie

Die andere spielt zehn Jahre später. Gleiches Personal. Nur die Umgangsformen sind brutaler: Fingerbrechen. Salzwasser trinken. Bewachen, Verhören, Foltern und Erschiessen müssen. Schließlich geht es um die Verteidigung der Demokratie. Umberto Eco hat die Welt der Peanuts als Mikrokosmos bezeichnet. Als „eine kleine menschliche Komödie“. Paravidino zeigt den Mikrokosmos der Tragödie. Tina Lanik und ihre Bühnenbildnerin Magdalena Gut haben für dieses bittere gruppendynamische Experiment den Original-Raum weiß verblendet, um ein zeitloses White-Cube-Ambiente zu schaffen.

Das Publikum versammelt sich in einer Arena um eine überdimensionierte Wohnlandschaft aus roten und orangefarbenen Kunstlederelementen. Eine rote Membran mit Schlupfloch für die Auf- und Abtritte trennt drinnen und draußen. Trennt den modernen Kapitalismus von seinen Feinden. Das plastische Kostümdesign (Su Sigmund) zitiert die charakteristischen Überzeichnungen der Comicfiguren. Wir erkennen Woodstock (Marcus Calvin), Linus (Oliver Möller), Schroeder (Stefan Wilkening), Snoopy (Heiko Rupprecht), Sally (Barbara Melzl) und Lucy (Christine Schönfeld). Wollte man das inspirierte Denken der jungen Regisseurin in eine Regieanweisung übersetzen, dann könnte die etwa lauten: den zwanghaften Folgerungen einer Analyse widerstehen. Keine Wertungen vornehmen. Eine Form wagen und das Theater auf Abstand bringen zu den Verhältnissen von denen es erzählt. Dabei im Innern eines großen Rasters mit Myriaden von Möglichkeiten die immer feinere Textur einer konkreten Geschichte entwickeln. Eine Geschichte, die alle angeht. Auf eine Weise, dass wir uns am Ende fragen müssen: Ist das noch die Gegenwart oder werden hier schon die Schrecken der Zukunft beschworen?

In den 90er Jahren war das Labor des Staatsschauspiels für die Dramen und Diskurse unserer Tage ein schwarzer Quader. Doch dann wurde die Versuchsleiterin Elisabeth Schweeger nach Frankfurt berufen. Die Umgebung und das Innenleben ihres Marstall-Theater kamen unter den Pressluft- Hammer. Und Dieter Dorn eröffnete im Haus der Kunst ein kleines Theater, das irgendwie in einem innerstädtischen Resonanzloch verschwand. Nicht zuletzt, weil die klassizistische Architektur jedesmal ungeniert ihre historisch kontaminierte Aura über die wechselnden Szenenbilder stülpte. Seit diesem Wochenende hat die Black-Box von einst ein weißes Gegenstück, in dem das Theater ungehindert vorstoßen konnte zu den dringlichen Problemen unserer Tage. Und ganz nebenbei haben Tina Lanik und ihre Komplizen auch noch die Messlatte für Gegenwartstheater ein Stück höher gehängt.

Nochmals am 13. und 20. Januar

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