Kultur : Peinlichkeiten ums hohe Amt

BERNHARD SCHULZ

Der eine Kandidat wird bevorzugt, der andere ist verärgert - und am Ende läuft die Suche auf einen dritten Mann hinaus: Querelen um die Nachfolge des Präsidenten der Stiftung Preußischer KulturbesitzVON BERNHARD SCHULZDie Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die größte und bedeutendste Kultureinrichtung Deutschlands, wartet auf eine Entscheidung.Der Kapitän ging von Bord, der Supertanker steht still.Wer dem ersten Mann nach dessen gut zwanzigjähriger Amtszeit an Bord nachfolgt, ist bis heute so unbestimmt wie zu Beginn der Kandidatensuche. Die Situation ist verfahren.Formell zu entscheiden hat der Stiftungsrat.Ihn bilden die Träger der Stiftung: der Bund und die sechzehn Bundesländer.Er soll am 18.Februar neuerlich in der Villa von der Heydt, dem noblen Sitz der Stiftung, zusammentreten, um den wichtigsten der beim vorangehenden Treffen Mitte Dezember unerledigten Tagesordnungspunkte zu behandeln: die Wahl eines neuen Präsidenten. Werner Knopp, der bisherige Amtsinhaber, ging mit Ablauf des 31.Januar in den Ruhestand.Zuletzt noch wurde bedacht, ob ihm eine neuerliche Verlängerung seiner Dienstzeit zugemutet werden könne.Es ging das Gerücht, die im Patt blockierten politischen Lager von CDU und SPD - das heißt im Stiftungsrat: von Bund auf der einen und Ländern auf der anderen Seite - könnten sich auf eine Verschiebung der Neuwahl bis nach der Bundestagswahl einigen, um offenzuhalten, welcher Kandidat mit welchem zukünftigen Kanzler "kann". Mit der Verabschiedung von Knopp am 22.Januar in der Rotunde des Alten Museums erreichte die Kette von Ungeschicklichkeiten und Stillosigkeiten im Vorfeld der Nachfolgeregelung einen Höhepunkt.Der scheidende Präsident fand nichts dabei, mit Klaus-Dieter Lehmann einen der beiden Kandidaten eine Ansprache halten zu lassen, obwohl dessen Funktion als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung das wahrlich nicht zwingend machte.Der Direktor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main wußte seine Chance zu nutzen und hielt eine fulminante Wahlrede.Der demonstrative Beifall (nicht nur) von Stiftungsmitarbeitern signaliserte, daß seine Botschaft - Modernisierung ja, aber gleichzeitiges Festhalten an den Stiftungsstrukturen - jedenfalls mit dem leicht zu erklärenden Bedürfnis des Apparates auf Beharrung bestens übereinstimmte. Zutiefst empört über die planvolle Bevorzugung Lehmanns zeigt sich denn auch Christoph Stölzl.Der Direktor des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin wird seit dem vergangenen Spätsommer als Favorit gehandelt.Die mit allen Beteiligten vereinbarte Diskretion hinsichtlich der Nominierung wurde gezielt gebrochen; und kein Geheimnis ist heute mehr, daß Führungskräfte von Stiftungseinrichtungen massiv gegen den Kandidaten Stölzl Front gemacht haben, bis hin zu entsprechenden Rundreisen zu den Staatskanzleien der Bundesländer.Alsbald gab es mit Klaus-Dieter Lehmann einen zweiten, insbesondere von Nordrhein-Westfalen bevorzugten Bewerber.Schon das verwundert Stölzl.Es gebe "überhaupt keinen zwingenden Grund, warum die Länder einen anderen Kandidaten vorschlagen, wenn Berlin als Sitzland der Stiftung, unterstützt vom Bund, einen Kandidaten vorschlägt." Die politische Realität sieht anders aus.Stölzl, von Kultursenator Radunski vorgeschlagen - aber wegen der konträren Haltung der SPD in der großen Koalition vom Berliner Senat nicht offiziell nominiert, weshalb es in einer Stiftungsratssitzung bereits zu einer peinlichen Vorstellung der Senatsvertreter kam - ist zugleich der Kandidat des Bundes, und das heißt beim Kohlschen Politikverständnis, des Kanzlers.Lehmann weiß vierzehn der sechzehn Bundesländer hinter seiner Bewerbung, wobei Nordrhein-Westfalen als bei der Preußen-Finanzierung bei weitem am stärksten engagiertes Bundesland eine Art Stimmführerschaft ausübt. Da liegt das Problem.Bund und Länder sind wie Hund und Katze, wenn es um die Kulturhoheit geht; und der Kanzler und der NRW-Ministerpräsident sind seit dem von Kohl ausgebremsten Streben von Johannes Rau nach dem Amt des Bundespräsidenten innigst verfeindet.Im Stiftungsrat ist nicht allein eine Zweidrittel-, sondern eine qualifizierte Mehrheit vonnöten.Die 80 (Zähl-)Stimmen des Bundes nützen nichts, solange nicht eine Mehrheit unter den 120 Länderstimmen in gleicher Weise votiert; umgekehrt können die Länder den Bund mit seiner Sperrminorität nicht majorisieren.Stölzl wird also nur Stiftungspräsident, wenn die Mehrheit der Länderstimmen auf ihn geht; Lehmann umgekehrt nur, wenn der Bund sich mindestens der Stimme enthält. Skandalös ist die mangelnde Vorausschau der Beteiligten.Der Grundkonflikt Bund gegen Länder besteht seit jeher, seine Verschärfung in der Konstellation Kohl gegen Rau auch schon seit Jahren.Darüber hätte man rechtzeitig sprechen müssen.Denn es war ja hinlänglich bekannt, daß Werner Knopp nicht unbegrenzt lange amtieren kann, zumal er der äußerstenfalls möglichen Verlängerung seiner Amtszeit um zwei Jahre seinerzeit bereits zugestimmt hatte.Stattdessen wurde die Nominierungsfrage auf den letzten Moment verschoben - um dann nach Vorstellung des Kanzleramtes par ordre du mufti entschieden zu werden. Beide Kandidaten, Stölzl wie Lehmann, üben ihre derzeitigen Ämter seit rund zehn Jahren aus, beide haben west-östliche Vereinigungen hinter sich gebracht; Stölzl durch die Transplantation der Westgründung DHM auf das DDR-Geschichtsmuseum im Zeughaus, Lehmann durch die Vereinigung des Frankfurter Hauses mit dessen Vorgänger, der Deutschen Bücherei in Leipzig.Beide äußern sich ähnlich, was die Struktur der Stiftung angeht: Museen, Bibliotheken und Archive sollen unter dem gemeinsamen Dach beisammenbleiben.Beide betonen die "Synergieeffekte", die sie dem Miteinander dieser so immensen "kulturellen Ressourcen" entlocken wollen, und ebenso sprechen beide davon, die viel zu langen Entscheidungswege der Stiftung straffen zu wollen. Christoph Stölzl, 1944 nahe Augsburg geboren, promovierter Historiker und seit 1974 im Museumsbereich tätig, kann auf langjährige Praxis der Vernetzung unterschiedlicher Ressourcen aus Kunst, Archivmaterial, Alltagsobjekten und generell historischen Zeugnissen verweisen, und zwar anhand seiner zahllosen Ausstellungen in München und Berlin.Er sagt denn auch nur knapp, die Person sei das Programm.Er wolle "anregen, begeistern, vernetzen, Ideen ans Licht bringen", die "wunderbare Riesenmaschine schneller bewegen, als sie sich bislang bewegt." Der 57jährige Klaus-Dieter Lehmann, gebürtiger Breslauer, Physiker und Bibliothekar und seit 1970 im Büchereiwesen tätig, äußert sich eher als Organisator der Modernisierung als dem Motor institutionellen Wandels.So müßten bereits bei Bauvorhaben "Infrastrukturmaßnahmen" vorgenommen werden, um die erstrebte "Zusammenführung von Archiven, Bibliotheken und Museen" zu erreichen.Museen und Bibliotheken wüßten wechselseitig bislang nicht einmal, "was sie besitzen".Die "aufwendige Verwaltungsstruktur" mit ihren "Hierarchien" will Lehmann "nicht in ihrer gesamten Ausprägung beibehalten". Um Visionen etwa unter dem Stichwort "Nationalstiftung" machen beide Kandidaten einen vorsichtigen Bogen - zumindest bis zur frühestens 2003 anstehenden Neuverhandlung von Finanzierung und damit Trägerschaft der Stiftung.Gleichwohl werden Unterschiede sichtbar.Stölzls Kandidatur zielt auf das renovierungsbedürftige Bund-Länder-Verhältnis in Kulturdingen.Eine Präsidentschaft des umtriebigen Museumsmannes würde sich im Programm der Vernetzung - und welcher Kandidat wollte weniger versprechen als das? - nicht erschöpfen.Das genau fürchtet der Apparat: eine Dynamik, die Struktur und Trägerschaft der Stiftung nicht unangetastet ließe.Lehmann dagegen beschwört die Beibehaltung der einzelnen Institutionen der Stiftung und sucht Energien aus Teamwork freizusetzen.Von strukturellen Änderungen hält er wenig.Der erfahrene Manager bevorzugt ein "Phasenkonzept": erst gelte es, die Stiftung "einigermaßen zu konsolidieren", bevor beispielsweise an eine Erweiterung um weitere Institutionen gedacht werden könne. Wer zahlt, schafft an, soll Manfred Kanther, als Bundesinnenminister traditionell Vorsitzender des Stiftungsrates, gegenüber Abgesandten in Sachen Nachfolgeproblem bereits gedonnert haben.Jedenfalls hält der Bund an seinem Favoriten ebenso fest wie am vorgesehenen Zeitplan für die Neuwahl.Ginge es allein nach den Finanzen, spräche alles für die unbeirrbare Haltung des Bundes.Er trägt 75 Prozent des Betriebshaushaltes der Stiftung, die Länder steuern lediglich das verbleibende Viertel bei; und mit Berlin teilt sich der Bund die Finanzierung der Baumaßnahmen, von der die Länder ohnehin Abstand halten.Faktisch ist die Stiftung eine rechtsfähige Einrichtung des Bundes.Ihrem Wesen nach bildet die Preußen-Stiftung den Kern einer, bislang am entschiedenen Länderwiderstand schon in den ersten Ansätzen gescheiterten Nationalstiftung. Darüber müßte eigentlich Berlin als Sitzland der Stiftung intensiv nachdenken.Doch das Auftreten Berlins in Sachen Preußen-Stiftung ist seit jeher zurückhaltend.Die Beobachtung, die Bundesländer seien nicht imstande, Angelegenheiten von gesamtstaatlicher Bedeutung im Auge zu behalten und entsprechend uneigennützig zu befördern, gilt auch für Berlin.Der Regierende Bürgermeister, Eberhard Diepgen, sieht das drohende neuerliche Debakel bei der Präsidentenwahl eher unter dem Blickwinkel des Image-Schadens für Berlin: "Dann heißt es wieder, Berlin schafft das nicht." Als Pragmatiker der Macht erwartet Diepgen in diesem Fall die Suche nach einem dritten, kompromißfähigen Kandidaten.So auch Kultursenator Peter Radunski; dessen bevorstehende USA-Reise könnte zu entsprechenden Sondierungen dienen, um so mehr, als sich die überraschende Berufung des Ex-US-Finanzministers Blumenthal zum Direktor des Jüdischen Museums als Publicity-Volltreffer erwiesen hat. Zur Zeit jedoch laufen die politischen Kontrahenten unbeirrt auf ein Patt am 18.Februar zu.Schon wird neuerlich die Verlängerung des gegenwärtigen Schwebezustandes bis nach der Bundestagswahl erwogen.Den unmittelbaren Schaden hätte die Stiftung - das Signal aber reichte weiter und wäre verheerend.

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