Peking : Händler der Freiheit

Nichts ist sicher, alles möglich: Deutschland hat die Einladung Chinas angenommen, sich als Gastland auf der Buchmesse in Peking zu präsentieren. Chinas Buchmarkt boomt wie der Rest des Landes.

Susanne Messmer

Schnurgerade Gänge, aufgeräumte Stände. Die Buchmesse in Peking ist die größte in ganz Asien, die viertgrößte der Welt, und dennoch geht es ruhig und besonnen zu. Als westlicher Besucher verliert man in keiner der wenigen Hallen den Überblick. Hier wird weder gedrängelt noch gerempelt, auch nicht gehupt, geflucht oder geschnattert, die Besucher stehen brav an und hören mit ernsten Gesichtern geduldig zu. So hebt sich der deutsche Gemeinschaftsstand in strahlendem Weiß und wohl sortiert optisch kaum ab vom Rest.

Deutschland hat nach Frankreich 2005 und Russland 2006 die Einladung Chinas angenommen, sich als Gastland zu präsentieren. Doch scheint es unnötig, sich mit klaren Linien und sachlicher Technik wie der extra eingeflogenen Gutenberg-Presse als Insel der Vernunft zu präsentieren. Gegenüber Deutschland mit fast 3000 Verlagen scheint das zigfach größere Land China mit nur wenig mehr als 500 offiziellen Verlagen ein Paradies der Ordnung. Doch trügt der erste Eindruck, der Name „offiziell“ deutet es schon an: Chinas Buchmarkt boomt wie der Rest des Landes, die Umsätze haben sich in den letzten Jahren verzehnfacht, schon 2002 lag China nach den USA, Japan und Deutschland auf Platz vier.

Besonders aber hat die zunehmende Öffnungspolitik eine höchst undurchschaubare Mischung aus Kontrolle und freier Marktwirtschaft hervorgebracht. Neben den offiziellen gibt es laut Schätzungen 5000 private Verlage, die nicht erlaubt, aber geduldet sind. Diesen ist es untersagt, sich auf der Messe zu präsentieren. Sie dürfen auch keine ISBN-Nummern beantragen, hängen sich aber an die offiziellen Verlage und machen ihre Bücher auf diese Weise bestellbar.

Die deutschen Verleger, die sich im Gegenzug für die Frankfurter Buchmesse 2009 mit Gastland China rüsten, sehen sich vielen Fragen ausgesetzt. Sind offizielle Verlage und ihre Programme zwangsläufig linientreu? Wird man nur bei privaten Verlagen fündig, wenn man auf der Suche nach Autoren ist, die kein Blatt vor den Mund nehmen? Wo sucht man, wenn man es auf junge, urbane Literatur abgesehen hat?

Da ist zum Beispiel der bekannte chinesische Erzähler Yan Lianke. Wie viele Kollegen ist auch er noch Mitglied beim Schriftstellerverband, der wenigstens minimale soziale Absicherung bietet. Seine Bücher erscheinen „offiziell“, viele von ihnen wurden ausgezeichnet. Sein Buch aber über ein chinesisches Dorf, in dem alle Bewohner an Aids sterben, weil Blutspenden unter unsauberen Bedingungen vorgenommen wurden, stieß auf Widerstände. Das auch ins Deutsche übersetzte „Dem Volke dienen“ ist in China wegen „sexueller Zügellosigkeit“ und „Beleidigungen Mao Zedongs“ verboten.

Da ist aber auch Xu Xing. Sein Buch „Und alles, was bleibt, ist für dich“ über jugendliche Dropouts und Taugenichtse ist ausschließlich auf Deutsch und Französisch erschien. Xu Xing hat gar nicht erst versucht, dafür einen chinesischen Verlag zu finden. Jetzt, da er wieder in China lebt, dreht er lieber Dokumentarfilme. Viele Autoren gehören zum Establishment und scheren dennoch aus, andere wollen nicht in den Verband, veröffentlichen ihre Bücher in Undergroundverlagen und schreiben doch nur Gebrauchsliteratur, Krimis oder romantische Liebesgeschichten, die an chinesische Legenden anknüpfen.

„Nichts ist sicher und alles ist möglich“: Chen Xiaoming, einer der wichtigsten Literaturkritiker des Landes, geht so weit, von Schizophrenie zu sprechen. Auf der einen Seite wird die Zensur vor allem mit Blick auf die sagenhaften Profite immer lockerer. Auf der anderen Seite aber will der chinesische Staat nicht ganz von seinen Kontrollhebeln lassen. Jedes Jahr erscheinen mehr Bücher, deren Veröffentlichung noch im Vorjahr undenkbar gewesen wäre. Sex sells, Skandale auch – und das Internet wird ohnehin immer einen Schritt schneller sein als die, die es zu beschneiden gedenken. Auch Insidern fällt es da zunehmend schwer zu beurteilen, ob eher die privaten oder die offiziellen Verlage auf dem Buchmarkt für Innovation sorgen.

Dong Xiuyi ist eine Verlegerin, die jahrelang in einem offiziellen Verlag gearbeitet hat und nun, da sie Rentnerin ist, eigene Bücher verlegt. Zum einen kümmert sie sich um regionale und vom Aussterben bedrohte traditionelle Kunst, zum anderen um alternative Stadtplanungsideen und Umweltschutzkonzepte in Peking – einer Stadt, in der alte Milieus brutal zerstört werden. „Der Preis für die wirtschaftliche Entwicklung war zu hoch“, sagt Dong Xiuyi. Die größte Bedrohung ist in ihren Augen nicht die Zensur, sondern das Problem, dass nur wenige Leser im heutigen China ihre Leidenschaft teilen.

Wie reagiert Deutschland auf die neue Unübersichtlichkeit auf Chinas Buchmarkt? Wie finden sie sich zurecht, die Verleger, die einerseits ihre Bücher nach China verkaufen wollen und andererseits hier auf Schatzsuche sind? Zusammen mit der Frankfurter Buchmesse und dem von ihr in Peking betriebenen Buch-Informationszentrum werden Lesungen, Gespräche und Kulturnächte veranstaltet, was insofern interessant ist, als dass Dichterlesungen in China sehr selten sind. Auf der „Deutschen Woche“ wurden Bücher von Norbert Elias bis Jürgen Habermas, Elias Canetti bis Carl Schmitt verkauft, von Günter Grass bis Bernhard Schlink, Daniel Kehlmann und Silke Schuermann. Junge deutsche Autoren wie Judith Hermann, Jakob Hein, deren Bücher sich in China sehr gut verkaufen, zeigen sich „überwältigt“ von der Energie Pekings.

Zur Eröffnung in der größten Buchhandlung der Stadt sprach der Staatsbeamte von der Bedeutung großer Männer wie Hegel und Beckenbauer. Auf der langen Buchnacht, die die Messe von deutscher Seite krönte, zog sich eine Party über viele Etagen und Stunden. Es ist also auch dem deutschen Gastauftritt zu verdanken, dass diese Messe so aufgeregt wie aufregend ist. Vielleicht haben das auch die chinesischen Organisatoren registriert. Umso spannender, wie sie darauf in zwei Jahren in Frankfurt reagieren werden.

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