Kultur : Penner auf Durchreise

Von Baustellen, Kunstfallen und blühenden Gärten: Sommerrundgang durch die Berliner Galerien

Peter Herbstreuth

Wie die anderen Künste ist auch die zeitgenössische Kunst ein Kuddelmuddel von Ungleichzeitigkeiten. Sie entspricht dem Bedürfnis nach Anachronismus wie der Sucht nach Gegenwartsgefühl und der Lust auf Zukunft. Die richtige Mischung macht den Meister, der die Moden diktiert. Neugerriemschneider ist mit dem ersten Solo des Warschauer Künstlers Pawel Althamer wieder in der Gegenwart angekommen. So heruntergekommen sah die Galerie noch nie aus. Die Farbe blättert von der Tür. Jemand hatte auf dem Boden ein Feuer gemacht. Schutt liegt herum. Aus den verspritzten Wänden hängen Elektrokabel. Bierflaschen stehen herum. Ein Autositz steht in der Ecke. Das Oberlicht ist halb mit Plane verdeckt, der Durchgang zum Büro verbarrikadiert, die Halle feucht, stickig und rund um die Uhr zugänglich.

Bodenkontakt

Wer die Galerie nicht kennt, muss glauben, er habe sich in der Adresse geirrt. Alle Spuren von Kunst und Ausstellungbetrieb sind verwischt. Es gibt nicht mehr zu sehen als in anderen verlassenen Hallen auch: das Werk sorgloser Penner auf Durchreise. Wer meint, man könne bei diesem ruinösen Radikalfall Kunst deshalb voraussetzen, weil es ein Künstler war, der in der Galerie einen Vandalismus inszenierte, irrt. Direkte Kunstreminiszenzen führen ins Leere. Der Sessel spielt nicht auf Sarah Lucas an, der Schutt nicht auf Monica Bonvicini, die verspritzten Wände nicht auf Warhols „Piss-Bilder“. So gekappt von allen Kunstbezügen waren selbst Dada- und Fluxus-Auftritte nicht. Warum darf man trotzdem sagen, dass diese Inszenierung ein Triumph – nicht der Kunst, aber des Künstlerischen in der schon lange routiniert dem Betrieb verfallenen Galerie ist? Weil sie mit dem Aufregendsten der jüngeren Künstler aus Polen wieder Bodenberührung mit den Basics roher Realität bekommt, die der Kunst als Such- und Formbewegung ihre Bedeutung und den Galeristen ihre Legitimation als Pioniere verleiht.

Da neugerriemschneider seit drei Jahren damit beschäftigt waren, eine satte Ernte mit fast allesamt kometenhaft aufgestiegenen Stammkünstlern einzufahren, vernachlässigten sie die Pionierabteilung. Jetzt bieten sie ein eindrückliches Bild für die Zeit nach dem Berlin-Hype und erinnern an das, was Berlin in den neunziger Jahren groß gemacht hat: das viel versprechende Nonfinito, die geschürte Erwartung, die Sichtbarkeit von Gegenwart und Potenz. Aus kunstkritischer Perspektive handelt es sich um ein begehbares Ereignisbild mit schnellem Verfallsdatum. Es suggeriert Vergangenheit, spricht aber ganz aus der Gegenwart. In einem Karton liegt ein Stapel verdreckter Zeitschriften und obenauf das Magazin „Frieze“ von März 2003. Kein Zufall. Für Insider ist „Frieze“ der Pfahl im Fleisch der Berliner Kunstszene. Althamer verankert seinen Blick nicht regressiv im Ortsbezug. Er setzt einen Beginn. (Linienstraße 155; bis 16. 8.)

Ansonsten zeigt ein Rundgang durch die Galerien business as usual. Der Sommer ist die Zeit der Acchrochagen, und Eigen + Art inszeniert sie mit bewundernswerter Konsequenz. Sie versammelt alle Künstler der Galerie. Manche sind mit nur einem Werk vertreten. So geht man durch die Schau wie durch ein Register. Hier ein neuer Neo Rauch (unverkäuflich), da zwei neue Tim Eitel (unverkäuflich) neben neuen Köpfen von Akos Birkas (4200 Euro) und der kalten Neonlichtmalerei von Stephan Jung (2800 Euro). Es gibt neuere Druck-Varianten von Olaf Nicolai zum Einsteigerpreis (1600 Euro) und mit inszenierten Fotografien von Ricarda Roggan aus Leipzig eine Entdeckung. Roggan widmet sich Büromöbeln aus der DDR-Zeit, arrangierte sie in neutralen weißen Zellen und präsentiert sie halb wie ein Ausstellungsstück, halb „wie es war“: ohne falsche Authentizität. Die Dinge verkörpern Vergangenes, Roggans Blick Darstellungsstandards von heute (2500 Euro). So kommt die Zeit in den kontrollierten Focus der Gegenwart, und Gefühle bleiben eine Angelegenheit der Betrachter. Der kühle Blick der Becher- Schule wirkt noch immer.

Im Fenster hat der Galerist Gerd Harry Lybke, Sprecher der Berliner Kunstmesse Artforum, mit trockenem Humor die Werbebroschüren für die neue Londoner Kunstmesse „Frieze Art Fair“ ausgelegt. Er spielt neben dem Galeristen Christian Nagel als einziger Berliner Händler auf beiden Messen mit. Und da dies Thema fast aller Unterhaltungen momentan in Berlin ist und mehr kreative und destruktive Fantasien erregt als das meiste, was an Kunst zur Zeit zu sehen ist, kann es nur als souveräner Beitrag des Galeristen zum Thema gelesen werden (Auguststraße 26; bis 30. 8.)

Tigersprünge

Eine strategisch kluge Variante der Acchrochage organisierte Griedervonputtkamer, indem sie Werke von neun Künstlern aus der schweizerischen Galerie Serge Ziegler zeigt. Viele stehen im Bann anderer Künstler. Einbrüche in die Vergangenheit sind Methode. Der 1969 geborene Künstler Javier Téllez aus Venezuela bietet eine echte Brillo-Box an, die er bei einem Antiquitätenhändler (!) zufällig als Behältnis entdeckte. Und er hat Witz genug, sie wie eine Falle (Achtung: Andreas Slominski) zu präsentieren und für 9000 Euro als Unikat anbieten zu lassen. Die musealisierten „Brillo-Boxes“ Warhols von 1969 sehen dank der Konservatoren wie neu aus. Und Slominskis Fallen sind tatsächlich gefährlich. Aber was heißt das für die Kunst und ihre Betrachtung, wenn eine banale Waschmittelkiste mit so schwerem Gepäck aus dem Museumsbestand daherkommt und trotzdem leicht wie eine Feder über dem Boden schwebt? Es warten jede Menge Tigersprünge aus der Vergangenheit auf die Zukunft. Aber sie kommen nicht aus Wirklichkeit, sondern aus den Museumserfahrungen. Ebenso wie Sylvie Fleurys Kleid mit Mondrian-Design, das kürzlich noch in der Galerie Chouakri Brahms hing (16500 Euro). Oder ein Rucksack von Marco Poloni, in dem ein hin und wieder flackernder Neonlichtstab steckt (Achtung: Dan Flavin) (3200 Euro). Die Künstler nehmen Kunst als erste Realität und spinnen sich in byzantinisch- akademischen Anspielungen ein. Dies ist der Kontext, der Pawel Althamers Nullpunkt so erstaunlich befreiend macht (Sophienstraße 25; bis 9. 8.).

Eine intelligente Variante sind Querbeet-Schauen mit thematischer Kontur. Bei Völker & Freunde zeigt die Kuratorin Stefanie Hering „Topoi of Nature“ mit Werken von vier Künstlern. Eine doppelte Überraschung ist Paul Armand Gette, der selten in Berlin gezeigt wird und hier mit Fotografien aus seiner Zeit als DAAD-Stipendiat 1980 vertreten ist: Er fotografierte im Wedding, im Tiergarten und in der damaligen Ostberliner Mitte Pflanzen, die aus China, Südamerika, dem Balkan eingeführt worden waren, und nannte es „Exotik der Banalität“ (je 400 Euro). Da Gettes unprätentiöse Recherche zwei Jahrzehnte zurückliegt, erscheinen einem die Künstler, die heute dasselbe tun und dabei die „multikulturellen“ Aspekte betonen, plötzlich dumpf und naiv. Nicht weniger überraschend sind die diffizilen Zeichnungen von Jon Shelton, der ein ganzes Universum auf Transparentpapier aufbringt und mit Kupferlegierungen wie Joseph Beuys Energieströme versinnbildlichen will. Man sieht: Es ist die Arbeit eines Einsamen, der sich eine Welt aus Naturbeobachtung baut, dafür Symbolisierungen sucht und sich mit Alexander von Humboldt als imaginärem Freund gewiss in der richtigen Zeit empfunden hätte (je 2100 Euro). Darin liegt keine Abwertung. Anachronismen machen die Gegenwart ebenso erträglich wie erkennbar (Auguststraße 62; 31. 8.)

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