Pere Ubu in Berlin : Umwickelt mit elektrischem Draht

Garagenpop vom Feinsten: Die avantgardistische Band Pere Ubu mit Frontmann David Thomas spielt in der Volksbühne.

Volker Lüke
Als er noch im Stehen spielte. David Thomas von Pere Ubu auf einer undatierten Aufnahme.
Als er noch im Stehen spielte. David Thomas von Pere Ubu auf einer undatierten Aufnahme.Foto: Imago/United Archives

Wahre Freunde erkennt man daran, dass sie einen auch in schweren Zeiten nicht im Stich lassen, so wie die Frühlingssonne, die dann doch noch auftaucht oder David Thomas, der am Ostersonntag in der Volksbühne ein irres Konzert gibt, obwohl er eher den Eindruck macht, das eine Woche Bettruhe nötiger wäre, als ein Auftritt vor einigen hundert Fans. Aber vierzig Jahre Pere Ubu verpflichten, und so bekommt das Publikum nicht nur das bestmögliche Konzert unter den erwähnten Bedingungen geboten, sondern überhaupt mit das Anrührendste und Wunderbarste, was einem unter der Bezeichnung Pop vorgejubelt werden kann.

Seit 1975 personifiziert Thomas die ursprünglich aus Cleveland stammende Band, die sich nach einer Figur des französischen Surrealisten Alfred Jarry benannt hat und mit ihrem ungeschliffenen Science-Fiction-Garagensound wie eine Ufo-Attacke auf die Pop-Szene der ausgehenden Siebziger prallte. "Pere Ubu stampft über die allgemein akzeptierte Sprache des Rock'n'Roll hinweg und entwickelt mit Feuer und Disziplin eine eigene", schrieb der "Melody Maker" einst so treffend über ihr zweites Album "Dub Housing", das auch in den vor kurzem veröffentlichten Box-Sets enthalten ist, die das Frühwerk der Jahre 1975-1982 zusammenfassen und nun zurück auf die Bühne gebracht wird. Das die Band dabei noch immer klingt, als sei sie mit elektrischem Draht umwickelt, der auf Berührung mit blitzartiger Entladung reagiert, liegt nicht zuletzt an Tom Herman, dem Gitarristen der ersten Stunde, der zum dritten Mal in die Band zurückgekehrt ist und mit lässiger Eleganz nervöse Splittersounds aus dem Griffärmel schüttelt. Dazu fiept und sinuskurvt sich Robert Wheeler, der längst den Platz von Alan Ravenstine eingenommen hat, mit routinierter Abenteuerlust am Synthesizer und Theremin durch verwinkelte Industrial-Folklore, während die Bassistin Michele Temple mit Schlagzeuger Steve Mehlmann eine virtuos voranpolternde Rhythmussektion abgibt.

Thomas ist immer noch ein einzigartiger Unterhalter

Die Musiker schaffen eine gescheite Spannung zur Präsenz von Thomas, der mit schwankender Kopfstimme durch die alten Songs wankt. Dabei muss der Mann, der früher vor jedem Auftritt eine Flasche Remy Martin und ein großes Stück Rindfleisch zu sich genommen hat und mittlerweile am Stock geht, den Auftritt im Sitzen absolvieren. Trotzdem ist er immer noch ein einzigartiger Unterhalter, der mit kleinen Gesten die Brüche in der Musik bestimmt und hinreißende Posen der Verzehrung liefert, wenn er im Stuhl mit den Armen rudert, zappelt, brabbelt, kauderwelscht, heult oder die unglaublichsten Töne auf einer Schalmei trötet. Mal ist er quengelndes Kleinkind, dann wieder kreischender Diktator, der seine Band zusammenstaucht oder über die Musiker einen Witz macht. Ansonsten wird aber auf größere Ansagen verzichtet. Dafür werden in 90 Minuten über 20 Songs durchgeholzt, darunter eine besonders schöne Version von "Sentimental Journey" mit dem Geräusch von zerdeppertem Glas und weitere toll gespielte Klopper wie "The Modern Dance" oder der Dauerbrenner "Final Solution" als obligatorische Zugabe. Grandiose Soundscapes der Übellaunigkeit und halbbetäubten Exzesse, die auch nach 40 Jahren revolutionär und neu tönen, weil ihre disziplinierte Radikalität und ihr emotionaler Einfallsreichtum noch heute auf Vergleichbares wartet und uns eine Vorstellung davon vermittelt, wie weit Musik zu gehen vermag.

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